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Frühjahr
Durch das immer länger scheinende Licht der Sonne erwachen die Waldgottheiten aus ihrem Schlaf und lassen die Pflanzen neu erblühen. Die ersten Tierherden wandern wieder nach Norden, wo das Nahrungsangebot nun reichhaltiger ist.
Sommer
Durch Schmelzen von Schnee und Eis führen vor allem der große Gletscherfluss, aber auch andere Gewässer starke Strömungen und höhere Wasserpegel. Zusammen mit auftauenden Böden führt dies zu weitreichenden Versumpfungen und Überschwemmungen, die auch noch viele Ortschaften weit fern der Flussufer treffen. Die großen Tierherden sind alle in den Norden zurückgekehrt.
Sommersonnenwende
In der Sonnenwendnacht, der kürzesten des Jahres, können Geister auch von Sterblichen erblickt werden. An manchen Stellen zeigen sich zu dieser heiligen Zeit auch Orte der Geisterwelt.
Herbst
Während die Gewässer zurücktreten, erblühen und reifen viele Kräuter und Früchte. Die ersten Tierherden wandern zu dieser Zeit nach Süden. Die großen Hirsche tragen zu dieser Zeit mächtige Geweihe und streiten um das Vorrecht eine Herde zu führen.
Winter
Während die Pässe in den Hochgebirgen zunehmend unbegehbar werden, legen sich die Waldgottheiten und Waldgeister schlafen, wodurch auch die Pflanzen in den Schlaf fallen. Die großen Tierherden sind alle im Süden angekommen und die großen Hirsche werfen ihr Geweih ab.
Wintersonnenwende
Zur Wintersonnenwende, der längsten Nacht des Jahres, tobt in den hohen Bergen die wilde Jagd der Jagdgottheiten. In dieser Nacht werden Opfergaben dargebracht, um sie zu besänftigen.

Schiffsbau
Langboot
Bootsbau


Arachnenseide
Weben


Schuppenkleid
Knochennadel
Handspindel, Ahle
Tangbekleidung


Reiterei
Oreichalkos
Rauchgerbung
Hirngerbung
Unterseegerbung


Speichenrad
Holzrad
Schlitten
Schleife


Bronzeguss
Holzverarbeitung
Verbundwerkzeug
Kaltlandwerk


Zyklopenmauern
Keramikglasur
Kupferguss
Elementarmetalle


Felsenheim
Steinbruch
Megalithbauwerke
Steinverarbeitung
Steinschmiede


Ziegelbrennerei
Stampflehmbau
Lehmziegel
Korbflechten
Werkzeug


Lehmöfen
Töpferei
Feuerstätten


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Zeit der ersten Sonne
Geboren auf den alten Schiffen aus den verlorenen Tiefen kannten wir um uns nur weites Meer, das immerzornig gegen die Flanken schlug, den kalten Wind, der unaufhörlich an unserer Haut zerrte, über uns nur finstere Wolkendecke, die immergrollend mit ihren Blitzen schlug. Doch fern der wankenden Welt erhob sich uns späten Kindern der Schiffsbauer der Horizont, ein grauer Baum aus den schwarzen Untiefen in die flackernden Unhöhen, sich räkelnd, langsam und gemächlich, weise und bedächtig, träumend und noch nicht erwacht. Hier war der alten Riesin ein Licht erstrahlt, ein Herz in roter Glut, das unsere Schiffe rief aus allen Meeren. Es wuchs nicht nur, da wir ihm näher kamen, brannte sich seinen Weg hinauf durch Stamm und Rinde, und entzündete die Krone. Laut schrie sie auf, als der Feuervogel sich erhob, brannte hernieder und ließ im großen Feuer Fels und Asche regnen über das hungrig Meer. Trost schenkten unserer Schiffe Bannsängerinnen dem sterbend Kind, als ihr Gesang es zurück in den Schlaf wiegte. Aus der niedergehenden Asche entstieg zögerlich das karge Land, in dessen Fels sich die Spiegel aus schwarzem Glas befanden. Als der graue Regen lag und der Bernsteinvogel durch den dunklen Schleier auf das Land blickte, wuchsen aus des Baumes Asche zahllos seine Kinder, tausendäugig und von dunkler Rinde, die Schwarzeiben, und blickten zurück.

~ Die erste Reise, Norn
Sternenkleid
·Schwarze Federn kleideten den alten Wanderer, der den Vater bezwang. Gesehen ward er auf Rabenbein stolzierend, mit acht Augen über schwarzem Schnabel blickend, und mit Vogelkrallen an sechs Armen auflesend, als er aus der falschen Höhle schritt und alle blickend Vögel aufschraken. Nicht Rabe noch Weberin verschmähten ihn seine Väter, sodass wir Schwestern ihn lehrten. Doch wob er mit unserer Kunst das Schicksal des Vogelvaters, spielte auf der großen Harfe die Echos der sterbenden Baummutter und zwang ihn in den Schlaf. Hier zerriss er den Himmelsvogel, aus seinen Federn das Sternenkleid über die Geisterpfade zu weben. Das Phoenixei aber trug er durch Geisterpforten ins Land der Schlangen im großen Meer. So ward aus dem Geist ein Gott, und schwarze Vögel kamen vom schlafenden Wald herab, um von seinem Werk zu berichten, und brachten die Saat der alten Bäume hinab ins Schlangenland.·

~ Schicksalsaugen, Erl
Traumwald
"Endlos erstreckte sich der lauernde Wald, gebrochen nur von hohem Fels und schwarzen Tümpeln. Von den steinernen Anhöhen aus zürnten stolze Greifen, in den Wurzeln wachten geduldige Weberinnen, aus dem Geäst blickten wissbegierige Aschevögel, alte Raben, und immer, wenn die Tümpel ruhten, lauerten hungrige Najaden. Doch wenn die tausendäugig Bäume schliefen, wanderten durch den lauernd Wald wir Dryaden auf unserer Erinnerung entnommen alten Pfaden, welche unsere Mutter, die wir nie sahen, uns mit ihren Wurzeln dereinst zog."

~ Geisterpfade, Ur
Wurzelwelt
"Seit dem Tag, an dem die lange Nacht began, brannte am Ende jedes unserer alten Pfade ein kaltes Feuer in den finstren Tümpeln, am Anfang aller Pfade aber der große Sternenriss, an dem die Mutter stand. So trugen auch wir auf unseren Wanderungen unser Licht zum Gestirn. Hier aber fanden wir im Wasser das tote Land, tief unter dem endlosen Wald, und in den Sternen die Pforten dorthin. Und dort sahen wir, dass ihre Wurzeln einst nicht im alten Wald endeten, sondern von deren Gipfeln und hohen Hügeln aus auch die zweite Welt durchzogen."

~ Himmelspforten, Ur
Zeit der zweiten Sonne
Bebend erbrannte das starre Land, als das Ei barst und die gläserne Erde sich zu Fluten ergoss. Die schlafenden Schlangen, einst Najaden geboren, krochen abermals durch den Schlamm, einander und Meereswesen zu verschlingen. Auch erwachte die schlafende Saat und überzog das Land mit Pflanzenwuchs, welcher Nahrung bot für Vögel des Himmels und den gehörnten Herden, die einst von unseren Schiffen den Najaden geopfert im Land der Schlangen überdauerten. All dies gedeihte unter den Schwingen des Bernsteinvogels, der abermals die Nacht entzündete und mit seinem Flug den Tag bringen sollte. Doch weckte des Vogels Schrei auch den Traumwald zwischen den Sternen, der hungrig blickte auf die Welt darunter. So stürzten die Greifen vom Himmelswald herab, ihn nie wieder zu betreten. Auch unsere Schiffe sanken auf die Welt hernieder, sie zu bevölkern mit unserart. Einzig das Schiff der Jägerin, dem sich stets alle Meere beugten, verblieb die Walde zu bereisen Tag und Nacht.

~ Das alte Land, Norn
Tiefenlicht
·Drei Städte auf ihren Reisen spenden Licht dem endlosen Schlund. Die älteste ist das Schiff der Jägerin, dem sich alle Meere beugen. Die zweite ist das hohe Licht, zu dem alle Geisterpfade führen, an dem die träumende Königin ruht. Die dritte bereist auf dem Rücken des Bernsteinvogels die Welt, so nah an seinem Feuerkleid umhüllt von gerötetem Licht. Und von beiden Seiten der trügerischen Wellen leuchten sie herab in die Tiefenwelt. Hierhin ziehen junge Miragen aus den Spiegeln, um dort in den Herzen Fremder zu erwachsen und mit ihnen in den Wald zurückzukehren. Hierhin stürzen Phantasmen aus dem Geäst, um die Geister Träumender in den Wald zu entführen und ihre Herkunft vergessen zu machen. Und hier wandern die Miasmen, ihren Schwermut über die dort Lebenden zu legen, und das Ende ihrer Pfade zu erkunden.·

~ Die gelogene Welt, Erl

Geister sind das erwachte Bewusstsein eines weltlichen Äquivalentes, etwa eines Lebewesens oder abstrakteren Konzeptes. So wie Lebewesen oft im frühen Kindesalter Erinnerungen sammeln und ein Bewusstsein entwickeln können, erwacht auch manch altem Gewässer, Gewächs, Wald oder einer Herde ein Naturgeist, sowie alten Gegenständen und Gebilden, wie Schiffen, Bögen und Städten ein Kulturgeist. Mit Art des Äquivalentes gehen für den Geist Fähigkeiten und Pflichten einher.

Das Erwachen eines Geistes geht nur langsam vonstatten, und oft erinnern sich die Geister früherer Ereignisse nur gleich einer fernen Kindheit, bruchstückhaft und an einschneidenden Momenten am klarsten. Zum Traum verlassen Geister ihr weltliches Äquivalent und streifen in der astralen Anderswelt umher, wirken mit ihrer Anwesenheit aber bereits auf die Dieswelt und können derart wahrgenommen werden.

Bei Beschädigung ihres Äquivalentes werden Geister schwächer und verenden mit dessen Zerstörung. Diesem Schicksal vermögen einige jedoch zu entkommen, indem sie sich durch Besetzen geeigneter Behältnisse oder durch Geburt eine neue sterbliche Hülle aneignen. Meist ist der Verlust des Äquivalentes jedoch ein traumatisches Ereignis, das Erinnerungen und Charakter des Bewusstseins beschädigt. Zur Wiedergeburt fähige Geister sind als Gottheiten, zur Besetzung fähige als Dämonen bekannt.

Mittjahreskind
Zu Mittwinter und Mittsommer geborene Kinder haben eine natürliche Begabung Nornhexereien zu erlernen.

Drittes Auge
Ein drittes Auge auf der Stirn erlaubt Geister zu sehen.
Mehrlingskind
Als Mehrlinge geborene Kinder haben eine natürliche Begabung Erlhexereien zu erlernen.

Mehrlingsleid
Starke Gefühlsregungen werden den übrigen Mehrlingen zuteil.
Mondkind
Zu einer Mondfinsternis geborene Kinder haben eine natürliche Begabung Urhexereien zu erlernen.

Krallenwuchs
Mondkindern wachsen Krallen anstelle der Finger- und Zehennägel.
 .: Ein neuer Morgen [Abenteuer] · Lande · Kulturkreise · Mystik · Geister · Hexerei ·
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Bearbeitet am 29.07.2016, 03:36
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Ein altes Forenspiel, das damals auf goroth zusammen mit Ena/Kjerand began und später mit Arafis/Izar fortgeführt ward. Hier der ältere erste Teil vom 20. Oktober/26. November 2012 bis zum 12. Januar 2013.
Formatierung fehlt noch ein wenig.. Fettschrift für direkte Rede und einige kursive Stilmittel. Da find ich auch noch die Muße für, und kann auch alte Anmerkungen in einem Extra-Thread veröffentlichen. Also stellenweise woran ich an mir genagt hab X.x..


« Ein neuer Morgen »


Ein neuer Morgen war angebrochen, und in einem kräftigen Rotton begann das Phoenixauge die Nacht aus diesem zu verbrennen. Fast wolkenlos war der Himmel über den von Schnee bedeckten Feldern im Hochland der Mondgebirge, die den ersten Sonnenschein noch glänzend reflektierten, bevor der Schnee im Verlauf der nächsten Stunden für den Rest des Tages ermatten sollte. Windstill doch kühl sollte für die Menschen des roten Stammes der neue Tag beginnen, auf jener Anhöhe über den weißen Jagdgründen, wo das längst durchnässte dunkle Grau der gewaltigen Felsen aus der Erde brach, um auch das Weiß der Landschaft aufzubrechen. Denn dort, wo man hoch genug war, um auch in den frühen Morgenstunden von der Wärme des brennenden Auges berührt zu werden, weit über die Lande blicken konnte, und auch einem Sturzbach nicht fern war, standen ihre großen Zelte, vier an der Zahl. Kegelförmig berichteten sie, aus zahlreichen Pelzen zusammengeknüpft, aber auch mit großen Stoßzähnen versehen, die sie zusammenhielten und vor jedem Eingang als imposante Torbögen aufgestellt waren, von Generationen erfolgreicher Jagd.

Aangar schloss die Augen, um Wärme und Licht der nun endlich über den Horizont gebrochenen Sonne wie einen Segen zu empfangen. Lange schon hatte er den Himmel in Erwartung des Sonnenaufganges beobachtet, und vorfreudig den großen Lichtschleier, der das Licht der Sterne verdrängte, betrachtet, denn wenn die Menschen des Stammes auch mit den frühen Morgenstunden zu erwachen pflegten, bedeuteten sie für ihn und einen weiteren der Krieger für heute und auch die nächsten Tage das Ende der zweiten Nachtwache. Des Mundtuches endledigt sog er lächelnd noch einmal den letzten Hauch nächtlicher Luft ein, bevor er die Augen wieder öffnete und sich seine Mine verfinsterte: Was er vorhin noch argwöhnisch für ein Tier gehalten hatte, schien sich inzwischen als Mensch entpuppt zu haben. Hatte er tatsächlich einen einsamen Wanderer erblickt, der in weißem Pelz auf sie zuhielt? Die Rauchschwaden der verglimmenden Feuer aus den Zelten hatte jener sicherlich längst gesehen, und bald sollte im Freien auch Wild vom letzten Tage zubereitet werden, so musste der Fremde spätestens dann zweifellos auf ihr Stammeslager zuhalten. Und doch war er noch weit genug entfernt, sodass die übrigen bis zu seiner Ankunft vermutlich allesamt erwacht sein würden.
Von schlagartigem Lärm aufgeschreckt wandte der Wächter seinen Kopf zu einem der Zelte, und merkte dabei, wie lange sein Nacken bereits in der vorigen Position verharrt haben musste. Auch die schweren Pelze, die ihn über seinen Schultern bis fast auf Kopfhöhe gestapelt die Nacht über wärmen sollten, machten das Kunststück keineswegs leichter, als er den Störenfried erblicken sollte: Das weißblonde Haar, als solches schon seit Jahren zu engen Zöpfen geflochten, wiederum zu einem Zopf gebunden, trat Shenga, die Arme Fäuste ballend von sich streckend sowie herzhaft gähnend, aus einem der Zelte heraus, bis auch ihre weißblauen Augen jene finstren Aangars erblickten und sie ihm, wissend mit Aufschlagen der Felle nicht nur ihn geweckt zu haben, zulächelte, bevor sie zu ihm heran schritt: "Haben die Sterne wieder gedroht den Mond zu verstecken?", undankbare Jugend! War sie, nachdem eine Mondhexe sie zur Jägerweihe mitgenommen hatte, selbst zur Jägerin geworden und führte die Gruppe seit einigen Jahren gar an, so tat Aangar sich doch noch immer schwer damit, ein so junges Wesen in einer so wichtigen Stellung zu sehen. Noch immer finsteren Blickes versuchte er zu erahnen, ob sie tatsächlich eine eine Antwort darauf erwartete. Nichts, der morgendliche Gruß schien bereits auf die Erwiderung zu warten, als Aangar den von ihm umklammerten Speer erhob, um in Richtung des Fremden zu deuten: "Ein Gast. Kümmer' dich darum.", gefolgt von einem vergeblich unterdrückten Gähnen seinerseits, "Ich such' derweil ein wenig Schlaf.". Die in den Schnee eingesunkenen Pelzstiefel daraus befreiend stapfte er schließlich, Schild wie Speer führend, auf eines der Zelte zu. Mit Shenga blieb ein besorgt zum Wanderer blickendes Gesicht zurück, hatte der rote Stamm doch schon seit einigen Monden keinen Kontakt mehr zu den anderen Menschen der Welt gehabt, sodass man fast schon denken konnte alleine auf ihr verblieben zu sein.

Tatsächlich waren beinahe alle bereits auf den Beinen, bevor der Fremde auch nur in die Nähe ihrer Zelte kam. Denn während drei der Zelte nun offen standen, um neben der Kälte auch wieder nicht von Feuern und Menschen aufgebrauchte Luft hereinzulassen, waren die meisten ihrer Bewohner bereits auf dem Platz zwischen diesen zugange, wo schon die Flammen für am gestrigen Tag erlegtes Fleisch geschürrt wurden. Einen gewaltigen Eber hatte es bei der letzten Jagd erwischt, der bei seinem Angriff in den Spieß eines Jägers rannte und kurz darauf von denen der übrigen durchstochen wurde, nachdem er selbst noch einen unzähmbar nach vorne gestürmten Reitwolf am Hinterlauf verwunden konnte. So wurde dem toten Tier, nachdem am Vorabend schon die Beine verspeist wie verfüttert worden waren, nun unter einigen hungrigen Augen von dreien mit geschärftem Steinwerkzeug das Fell abezogen. An einer kleineren Feuerstelle wurden bei morgendlichem Gerede Pelze aneinandergestickt, um Zelte oder Bekleidung auszubessern, während von einigen der Wölfe beobachtet auch Kinder Fangen spielend quer durch die Ansiedlung liefen. Die meisten anderen Wölfe lagen noch auf den Fellen ihres überdachten Schlafplatzes und behielten die Zubereitung des Ebers im Auge, während der verwundete noch immer reumütig jeglichen Augenkontakt scheute. Mit stumpfen Stäben und den mit roten Wolfspfotenabdrücken gezierten Schilden übten sich auch schon einige der Krieger im Kampfe, während andere ihre Ausrüstung ausbesserten. Viele von ihnen gehörten noch zur ersten Generation von Kriegern in diesem Stamme, denn bevor das Lied der verlorenen Jäger sie erreichte, hatten die Menschen hier oben höchstens Getier zu fürchten. Manchmal nur, in schwersten Stürmen oder wenn große Geister durch die Lande schritten, zogen sie sich in die Höhlen ihrer Ahnen zurück, deren Wände noch von uralten Runen überzogen sind. Doch in dem Lied bereisten die Jäger auf ihrer Suche nach Beute das Land, um ihren Stamm schließlich von anderen Menschen überfallen, geplündert wie ausgelöscht vorzufinden. Niemand war dem Angriff entkommen, und so gingen die verlorenen Jäger fort, um heimatlos und ihrer Bestimmung beraubt im Verlauf der Jahrzehnte nach und nach auszusterben.
Nicht selten wurde der Stamm auch von Raben besucht, die sich davon eine kleine Zwischenmahlzeit versprachen. Von einigen der am diesen Morgen erschienenen stach heute ein ganz besonderer heraus, der gelernt hatte einige Worte auf Altnorn zu imitieren. "Hungrr!" krächzend stand er auf einem kleinen Felsen, gewöhnlich als Sitzplatz genutzt, und ließ sich von einigen lachenden sowie anderen ihren Augen kaum trauend verstummten mit ihm zugeworfenen Fleischstückchen füttern, während die übrigen drumherum liefen, um aufzusammeln, was ihnen zugeworfen wurde. Davon unbeeindruckt saßen zwei der Älteren an einem weiteren Feuer, um sich in ein Steinspiel vertieft eine aufgewärmte Suppe zu teilen.
Spät an diesen Morgen fand nun auch Estra, die vermutlich schon zum nächsten Mond ihr Kind erwartete, aus dem Zelt heraus, begleitet von einigen beinahe ebenso glücklichen jüngeren Stammestöchtern, die ihr eben noch mit schwarzen zu ihrem Haar passenden Farben einen Sichelmond und andere Ausschmückungen auf ihren Bauch gemalt hatten. Kaum hatte er das zuletzt aufgefangene Fleischstückchen heruntergeschluckt, wandte der Kopf des Raben sich nun sprunghaft zur künftigen Mutter, bevor er nun mit den Flügeln schlagend erneut lautstark zu krächzen begann: "Jagrr! Jagrr!", um sich schließlich gefolgt von den übrigen Raben in den Himmel zu erheben. Hatte der Rabe sich einen Scherz erlaubt? Nun, er wäre damit gewiss nicht der erste. Aufgeschreckt blickte nun auch einer der beiden Älteren zu ihr, "Estra! Thurgar erwartet dich, es geht um den Fremden..", und nickte dabei in jene Richtung auf den Vorsprung, auf dem Aangar schon in die Ferne starrend verharrt hatte. Dort saß nun auch der Wanderer, unter einem weißen Wolfspelz über den Abgrund 'gen Süden schauend, wo die Sonne aufgegangen war und am Ende des Tages unweit davon auch auch wieder untergehen sollte, sodass noch kaum jemand aus dem Stamm sein Gesicht erblickt hatte. Nachdem sie noch voller Neugier zu jenem Fremden geblickt hatte, nickte sie dem Älteren kurz zu, bevor sie sich zum Zelt des Stammesältesten aufmachte.
Voller Ernst blickte beim Betreten des Zeltes zum Ältesten, der an der Feuerstelle in der Mitte dasaß und die geschlagene Klinge eines steinernen Messers betrachtete und sich dabei auch nicht stören ließ. Sein zu einem starren hinter den Ohren zum Himmel deutenden Zopf zusammengebundenes sonst weißes Haar schien inzwischen auch schon dem eisblauen Ton seiner Augen zu folgen, was für einen Menschen durchaus ungewöhnlich wäre. Doch war die Geschichte seiner Ahnen in irgendeiner Weise mit den Thursen verwoben, was zumindest ihm als Erklärung gereichte. An seiner Seite saß auch Thurgars Tochter, Shenga, die den Blick vom Messer inzwischen zu dem Estras gehoben hatte. "Hier,", sprach er, auf eine Stelle an der Klinge deutend, "hier muss noch etwas abgeschlagen werden, doch vorsichtig, sonst bricht sie." Nickend nahm Shenga das Messer wieder an sich, kniete aber noch immer an der Feuerstelle und blickte nun erwartungsvoll in Estras Miene. Eine Hand nun nachdenklich über Mund und Kinn streifend sah auch das von einigen weißen Narben durchzogene Gesicht des Ältesten zu ihr, bevor er das Wort erhob: "Mondhexerei.", begann er, "Dein Kind darf die Bluttaufe erfahren, wenn es in deinem Sinne ist.". Während der Blick des Ältesten in gespannter Ruhe verharrte, schaute Shenga in freudiger Erwartung auf das sich erhellende Gesicht Estras. "Ja!", brach es aus ihr heraus, "Ja, natürlich!", strahlte sie nun, die sie ihr Glück kaum fassen konnte, während Shenga bereits zur Umarmung herbeigekommen war. Auch Thurgar schenkte ihr nun ein Lächeln, während Estra an den sprechenden Raben zurückdachte. Denn jedes Kind, das die Bluttaufe erfahren hatte, wurde schließlich von Mondhexen oder -hexern zur Jägerweihe geholt. Und nicht zuletzt an Thurgars Tochter konnte man sehen, was es bedeutete, unter dem Zeichen der weißen Jägerin zu stehen. "Dann ist es beschlossen!", sprach der Älteste bestimmend, "Zum Preis wird Kupfer verlangt, jemand muss zu Sigruns Hall. Schickt nach .."

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:43
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Schwarz in seinem Kleid hockte ein einzelner Rabe auf kargem Geäst. Knorrig und alt erhob sich einsam ein kahler Baum am Abhang einer steilen Anhöhe, aus deren Krone heraus der Blick der zwei dunklen Perlaugen in die Weite schweifte.
Grenzenlos erstreckte sich der Winter über das Land, tauchte die fernen Wipfel in wabernden Dunst und hüllte mit seinem weißen Firnmantel alles in frostklirrende Kälte. In den Augen des Raben reflektierte neugeborene Sonne und sogleich ihre Lichtflut über den Himmelsfirst trat und sich wie rotes Gold über die Felder ergoss erhob sich das Tier mit kräftigem Flügelschlag von seinem Ast und stürzte sich in die Lüfte. Tiefer und tiefer flog er, an der schroffen Felswand hinab, dann über schneebedeckte Baumkronen und schließlich das weite Hochland hinweg, gen den grauen Höhenzug. Viel rauschte an seinem Blick vorbei, spiegelte sich bloß einen Moment im Augenmerk des schwarzen Vogels.
Ankunft. Bewegung. Aufbruch. Reise. Die Geschichte eines neuen Morgens.
Der Rabe flog weiter und dann schloss sich die Schwärze zweier Lider.

Kjerand öffnete seine Augen und blickte auf in die Morgendämmerung. Der junge Mann mit den wilden Haaren saß mit einem Fell auf einem flachen Stein – kein Fels, doch hoch genug, um sich grau und matt aus die Decke von Schnee und Eis zu erheben. Kleider aus hellem Stoff und dunklem Pelz bedeckten den hageren und doch sehnigen Körper, behangen mit kleinen Talismanen aus Knochen und runenverziertem Stein. Armbänder aus Krallen, eine Kette aus Vogelschädeln um den Hals. Und Rabenfedern, selbst unter seinem Schopf schienen dunkle Daunen hervorzuschauen.
Es war windstill als sich Kjerand von seinem Platz erhob. Er langte nach seinem Speer, der ihm Stab wie Waffe war, und richtete noch einmal seinen Blick in die Ferne. Seine eingefallenen Augen wirkten zu müde für das junge Gesicht. Er schloss noch einmal seine Lider und wie er sie wieder hob, öffnete sich auf seiner Stirn ein drittes Auge – dunkel, tief und seelenblickend wie das eines Raben.
Hoch oben drehte der Vertraute des Sehers seine Runden.

Der rote Stamm war nicht Kjerands ursprüngliche Familie. Als junger Hexer des Rabenkultes war er auf der Reise. Dankbar dafür, dass ihn der Stamm damals empfangen hatte, lebte er nun schon eine Weile unter ihnen, im Gegenzug für seinen Rat und seinen Speer.
Da er etwas abseits der vier Zelte Stille gesucht hatte, begab er sich nun durch den Schnee stapfend zurück. Es herrschte schon reges Treiben, von dem sich der Rabenseher jedoch nicht aus der Ruhe bringen ließ.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:44
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Und mit einem Lidschlag offenbarte das schwarze Auge, was dem Raben verborgen geblieben war. Denn unweit des Lichtes sammelten sich die Sturmriesen am Horizont. Wenige nur, vermutlich kaum eine Hand voll, war ihre Anzahl auf diese Entfernung kaum auszumachen. Doch es waren keine Hirten, die einsame weiße Wolken über den Himmel treiben würden. Nein, ein einzelnes Banner, dass hoch über ihrer alle Köpfe ragte, zeugte davon, dass sie Vorboten einer Armee waren, die sich sammeln würde, um Unwetter über das Land zu bringen. Eine Schlacht der Urgewalten, die nicht den Menschen galt. Und doch sollten sie all ihren Zorn zu spüren bekommen, denn was dort aufzog sollte den Einbruch des frisch geborenen Winters noch schneller vorantreiben. Große Geister waren aufgebrochen, um den Himmel zu verdunkeln, ihn mit Blitzen zu überziehen und das Land darunter in Windessturm, Schneewehen und Donnerhall zu begraben, und nur wenige Tage sollten bis dahin noch verbleiben.

Nicht ohne von einer der Wachen bemerkt zu werden sollte Kjerand schließlich das Lager betreten. So blickte aus den Augenwinkeln heraus ein junges Gesicht in seine Richtung. Stolz stand in braunem Pelz der Krieger, das runde Schild an seiner Brust und den Speer im Boden, herausfordernd sein kurzer Blick, bevor er diesen wieder über die Lande schweifen ließ.

Kaum hatte er den Hexer erblickt, sprangen die Augen des Jungen vor Begeisterung auf, nur knapp gefolgt von seinen Beinen. Und als er bereits losgerannt war stürmten auch die vier anderen Kinder, die mit ihm zusammen auf einigen Pelzen im Freien gesessen und sich mit Kohle bemalt hatten, allesamt Rabenfedern in den Händen haltend, hinterher. „Kjerand! Kjerand!“, riefen sie in wildem Durcheinander und streckten ihm die aufgesammelten Rabenfedern entgegen, bevor der erste sich einen Satz zu formulieren traute: „Sch..Schau was die Raben dir gebracht haben, Kjerand!“. „Einer von denen konnte sogar sprechen!“, setzte ein anderes hinterher, bevor eine der Mütter sie zum Essen rief und die Kinder wieder jubelnd fortliefen.
Kopfschüttelnd schritt ein anderer auf seinem Weg zurück ins Zelt an ihm vorbei, „Sprechende Raben..“, und es schien, als wäre sein Weltverständnis durcheinander gerüttelt worden und als müsse er sich erneut besinnen.

„Kjerand!“, auch Shenga hatte ihn inzwischen von einem der Zelte aus erblickt und kam in ungewohnter Eile zu ihm herbei. „Vater will mit dir speisen. Er wartet in seinem Zelt, es geht um.. “, und mit einem Mal war sie verstummt. Ihre Augen aber deuteten auf den einsamen Jäger, der da noch immer abseits in weißem Pelze saß und zum Horizont blickte, als fürchtete sie, er würde sie hören, wenn sie von ihm zu sprechen begann. Und so zog sie auch schon an Kjerands Arm, um ihn, als wolle sie mit schnellem Handeln Unheil abwenden, zum Zelte zu bewegen.
Doch am Eingang zum Zelt konnte der Seher auch schon eine weitere ihm bislang unbekannte Gestalt ausmachen. Eine Frau stand dort, blass wie der Mond und in einem Kleid, das nur aus übereinanderliegenden Rabenfedernedern zu bestehen schien. Und wieder verriet ein Lidschlag, was er sonst nicht erfahren hätte: Niemand sonst hatte den zweiten Gast bemerken können. Dunkles dichtes Haar, dass ihr kaum bis zum Kinn reichte, stand zu beiden Seiten ab und offenbarte auch dort die Federn der dunklen Vögel. Auch die Lippen und Muster im weißen Gesicht und am Hals waren schwarz und alle Punkte und Linien deuteten fort von ihren drei Augen. Doch nichts davon war so verwunderlich, wie die tiefe Dunkelheit, das die Weiße ihrer Augen füllte, und die weiße Iris jener drei Augen, mit welchen sie ihn anstarrte. Denn einst war auch sie Mensch, Seherin, Hexe, lange bevor der Traumweber sie zu sich geholt hatte und sie als seine Tochter durch die Welten ziehen sollte. Doch nun hatte ihr Weg sie hierher geführt.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:44
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Eru

Der imposante und zugleich bedrohliche Anblick am fernen Rand des Firmaments hatte Kjerand auf seinem Weg zurück zu den Zelten keinen Moment aus den Gedanken schwinden wollen. Es war nicht die klirrende Kälte, die ihm einen Schauer über den Rücken jagte, sondern eben jener Vorausblick, den sein drittes Auge erspähen konnte und die Kenntnis, die er draus zog. Ein Morgen, friedlich und ruhig wie dieser, sonnendurchflutet und windstill, würde bald schon eine bloße Erinnerung sein.

Der Rabenhexer verbannte die Besorgnis aus seinen Augen, als er zu den Leuten aus dem roten Stamm kam und die Kinder sich um in scherten. Mit einem warmen Lächeln im Gesicht beugte er sich leicht zu ihnen hernieder. „Das habt ihr gut gemacht“, lobte Kjerand die Kinder und zauste dem Kleinsten von ihnen dabei über den Kopf. „Ihr seid mir eine große Hilfe all diese Rabenfedern aufzulesen.“ Er blickte in ihre strahlenden Augen als sie ihm ihren Fund aushändigten.
Besonders für die Jüngsten würde der bevorstehende Winter gefährlich werden. Ein Grund mehr, sie mit allen seinen Kräften darauf vorzubereiten.
„Er hat gesprochen?“, wiederholte Kjerand dann erstaunt, als die Kinder von den Worten den des Raben anfingen. War dies vielleicht ein Omen? Ein Zeichen aus der Anderswelt? Der Versuch eine Botschaft auszusenden?
Als die Kinder sich zerstreuten und zu ihren Müttern liefen, blickte er ihnen in seine Gedanken abschweifend hinterher. Es war vielleicht soweit die Runen zu werfen.

Es waren erst die Rufe Shengas, die ihn wieder zu sich kamen ließen. „Shenga“, begann er grüßend, stockte aber, so wie er ihre Eile spürte. Doch es traf sich nur zu gut, dass man ihn sprechen wollte.
Als die junge Frau dann jedoch jäh verstummte, folgte der Blick des Rabensehers ihren Augen. „Wer ist unser Gast?“ Der einsame Jäger in weißem Pelz, der Reisende, den sein Vertrauter bereits erspäht hatte. Es war nicht schwer zu erahnen, dass er für den morgendlichen Aufruhr verantwortlich war. Doch seine Geschichte konnte nicht schwerer wiegen als die Kunde die der Hexer anzusagen hatte.
Trotzdem ließ sich Kjerand von Shenga zum Zelt bewegen ohne dabei großen Widerstand zu geben.

„Ich habe wichtige Worte mit den Ältesten zu sprechen. Der Winter–“
, doch weiter kam er nicht. Kjerand war, trotz des Zugs an seinem Arm, unvermittelt stehen geblieben. Er blickte dahin, wo für niemanden außer ihm etwas zu sehen war. Stumm und fassungslos starrte er auf die Traumtocher vor ihm, sah in ihr helles Gesicht, in ihre dunklen Augen. „Warum?“, murmelte er, zu leise für Worte, zu leise für Shenga, um ihn klar zu verstehen.
Er träumte nicht, er war nicht schlafend! Oder doch? Was sollte das bedeuten. Es war kein Traum und doch konnte er das Erscheinen der Traumtochter nicht deuten.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:44
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Eru

Und wieder wich sie der Frage nach dem Gast aus, „Nicht hier, nun komm schon, man erwartet dich.“. So gelangen ihnen tatsächlich einige Schritte, bevor der Hexer ob der Geistererscheinung erstarrte.
Sichtlich versucht ihn ein mit einem weiteren kräftigen Zug dem Zelt noch ein wenig näher zu bringen, hielt auch Shenga inne und versuchte den fragenden Blick des Hexers zu verstehen, „Winter?.. Worauf wartest du?“, doch schien sie sich nicht ausmalen zu können, was in seinem Kopf vorgehen sollte. So blieb ein Hauch der Enttäuschung in ihrem Gesicht zurück, als sie wieder das Wort ergreifen sollte: „Du sprichst erneut in Rätseln.“

Eines Menschen Hand, von Mustern geziert und aus dem Federkleid heraus gehoben, deutete in seine Richtung und langsam glitt die Spannung, die den Arm angehoben hatte, bis in deren Fingerspitzen. Kaum waren sie davon ergriffen, begannen alle Talismane, Knochen und Steine an seinem Körper, jede Rune die er an sich trug, zu zittern. Kurz nur schien sie die Runen gefühlt zu haben, so schnell wie erschienen verflogen auch die Bewegungen und Laute und der Arm senkte sich wieder, um in dem Federkleid zu verschwinden.
„Deine..“, nun war es Shenga, die nicht weiter wusste. Doch diesmal nicht, weil sie auszusprechen fürchtete, nein, sie hatte lediglich begreifen können, dass hier vielleicht höheres am Werk war, wofür sie keine Erklärung finden konnte.

Den Blick von ihm lösend ging die Traumtochter ins Zelt hinein.


Ruhe und Wärme bot das Zelt der Älteren. Eine eigene Art der Abgeschiedenheit inmitten des Lagers, in der die meiste Zeit über nur wenig gesprochen wurde und wenn, so war es von Belang. Das fast schon stumme Feuer fasste das Innere des Zeltes in ein warmes dämmriges Licht und gab auch der winterbleichen Haut der Menschen darin einen Hauch von Wärme.
Zwischen den Ältesten, die sich zum Speisen versammelt hatten, lag auch der Kopf des Ebers. Noch immer grimmig und kampflustig hatte er sich in einen der Speere, mit denen er aufgespießt worden war, verbissen und so war die Spitze beim Versuch ihn zu befreien abgebrochen und ist vom Untier noch immer nicht freigegeben worden.
An der Seite Thurgars saß auch die Traumtochter, stumm wie die anderen, jedoch als einzige nicht speisend. „Setzt euch.“, begann Thurgar, worauf auch Shenga schnell einen Platz fand, bevor er fortfuhr: „Einen Mondhexer hat der Winter uns gebracht. Estras Kind soll die Bluttaufe erfahren und kaum größere Freude habe ich in letzter Zeit ihren Augen entnehmen können.“, einen Moment hielt er inne, um nach seinem Trinkbeutel zu greifen und einige Schlücke daraus zu nehmen, um gleich nach dem Schlucken fortzufahren: „Er verlangt Kupfer im Gegenzug. In acht, vielleicht neun Tagen, so sagte er, soll das Kind die Welt erblicken. Dann will er es im Zeichen der Jägerin taufen und uns wieder verlassen.“ Ungünstig war die Zeit, dass sie ihr Kind noch trug. Denn bald schon wollte der rote Stamm dem Wild ins Winterlager nach den Talländern folgen und hatte die Reise in Erwartung des Kindes bereits hinausgezögert.
Nun erst schien sich Thurgars Aufmerksamkeit von den Speisen zu Kjerands Augen gewendet zu haben. So hielt er einen Moment in tiefen Überlegungen versunken inne, bevor er von seinen Plänen erzählte: „Nun muss jemand zu Sigrun's Hall, um dieses Kupfer zu erhandeln. Gleichwohl wir stets eng mit ihnen verbunden waren, haben wir nichts mehr von ihnen gehört, seitdem die Lieder uns erreichten. So hatte ich gehofft dich mit ihnen vertraut machen zu können, und so soll es auch eine Geste guten Willens sein, wenn du ihnen mit Rat zur Seite stehen kannst, bevor du zurückkehrst.“ – Sigrun führte einen kleineren Stamm in den Wäldern an und es hieß, der Geist eines Adlers wohne in dem ihren. Doch nicht zuletzt mit Erbauung der großen Halle, in der die ihren lebten, hatte sie sich unter den übrigen Stämmen dieser Lande einen Namen gemacht.

Shenga sollte fortfahren - Eine Gelegenheit, die Thurgar nutzte, um seine Zähne tief im zähen Fleisch des toten Keilers zu vergraben. „Zu Sigruns Hall muss man dem großen Auge folgen, einen langen Tag über die Jagdgründe bis zum Waldesrand und einen weiteren in den Wald hinein. Dort im Wald wirst du sie finden, wenn du nicht vorher schon gefunden wirst.“, eine kurze Pause über prüfte sie, ob Kjerand noch aufmerksam folgte, „Nachdem die Zeit des Aufbruches schon verstrichen ist, kannst du ein Stück mit uns reiten, um nicht erst am dritten dort einzutreffen. Und..“, sie schnürte hastig einen kleinen Beutel auf, um ihm etwas daraus zu geben, „Zeig ihr das hier, dann wird sie wissen, dass wir dich geschickt haben.“
Besagtes etwas war ein Kinderspielzeug, eine etwa faustgroße Faunfigur, die aus einem hellen Holz geschnitzt worden war. So stellte sie ein widderköpfiges Wesen dar, das bekleidet und mit Beuteln am Gurt aufrecht dastand. Ein Lächeln sollte die Gabe begleiten, „Das hat sie mir damals geschenkt, als ich noch ein Kind war.“

Einer der Älteren, die am Morgen mit dem Steinspiel beschäftigt waren, Belengar, kam nun zu Worte und öffnete eine Tasche mit weiteren Gaben: „Speer- und Pfeilspitzen aus Knochen, Horn und Fels. Die vielen Pfeilspitzen waren gescheiterte.. nun, auf Bögen können wir uns hier bei starken Winden nicht verlassen,.. und für einige hier wäre es nur eine halbe Jagd, wenn sie das Tier nicht eigenhändig erlegten.“, womit er zu Shenga blickte, die ihren Unschuldsblick an die Zeltdecke richtete und ein kurzes Auflachen provozierte. „Aber in Sigruns's Hall werden sie mindestens so oft genutzt wie ihre Speere.“, er zog etwas aus einer anderen Tasche heraus, um es zu präsentieren, „Messer und Keilsteine. Elfenbein, unbehandelt, aber auch Schmuck daraus, sowie einige Beutel Salz aus den weißen Höhlen.. nur einen Wolf werden wir dir nicht mitgeben können. Das große Tier könnte als Bedrohung verstanden werden.“ Ob der Erwartung einer Antwort kehrte nun Ruhe ein.

„Nun,“, sprach Thurgar wieder, „Was denkst du?“.

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Gebannt von der Erscheinung war Kjerand nicht in Stande sich zu rühren. Er hörte nichts mehr außer dem dumpfen Echo des Windes aus den Tälern, nicht die Stimmen der Menschen um ihn herum, nicht Shengas Worte, nicht die Geräusche aus seiner Umgebung. Die plötzliche und unmittelbare Präsenz des Geisterwesens war für den jungen Rabenseher überwältigend und sein drittes Auge blickte bloß starr auf die Traumtochter die zu einer Geste ansetzte, bei der selbst die Bewegungen ihres Arms und ihrer Hand so anmutig war, das sie nicht von dieser Welt sein konnten.
Was dann folgte ließ Kjerand erzittern wie die Runen an seinem Körper und sein Herz begann zu rasen. Er fühlte sich benommen und erregt zu gleich, als die Macht der Traumtochter ihn erfasste. Zwar nicht unerfahren auf den Pfaden seines Kultes, war dies doch das erste Mal, dass der Hexer ein solch intensives Erlebnis außerhalb eines Traums erfahren konnte.
Dies war kein einfaches Omen mehr, bei dem selbst mundane Menschen erkannten, dass etwas nicht von ihrer Welt zugegen war. Als sich die Traumtochter dann mit geisterhafter Gleichgültigkeit von ihm abwandte und das Zelt betrat, blickte Kjerand ihr mit leeren Augen nach. Es brauchte einige Momente, ehe er wieder die Fassung gewann und sich von Shenga ins Zelt begleiten ließ, ohne dabei noch ein weiteres Wort zu sagen.

Während der Erklärung Thurgars hatte der Rabenseher Mühe seine Aufmerksamkeit beim Thema zu behalten, so viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Des Weiteren kam er nicht um hin, seinen Blick immer wieder vom Gesicht des Ältesten abzuwenden und an die Stelle zu starren, an der nur für ihn die Traumtochter neben diesem saß. Den übrigen Anwesenden musste der sonst gefasste Hexer ungewohnt rastlos erscheinen, auch wenn ihnen bekannt war, dass er als Seher des Rabenkultes Dinge wahrnehmen konnte, die ihren Augen verborgen blieben.
Selbst als Shenga sprach brauchte es einen Moment, bis er das bemerkte und ihr seinen Kopf zuwandte, und selbst danach huschte sein Blick immer wieder kurz zu der Traumtochter, die so ruhig und still dasaß, als gäbe es sonst niemanden in dem großen Zelt.

Kjerand ermahnte sich zur Konzentration. „Das Vertrauen des roten Stammes ehrt mich“, antwortete er auf die Frage des Ältesten und schaffte es dabei, seinen Blick auf Thurgars Antlitz ruhen zu lassen. Es war auch das erste Mal seit der Ankunft der Traumtochter, dass er seine Stimme wiedergefunden hatte und es schaffte dabei so ausgeglichen klang, wie man es von ihm gewohnt war. „Die Kunde der bevorstehenden Bluttaufe von Estras Kind ist wahrhaft eine Glückliche. Und wenn es euer Wunsch ist, so soll ich mich glücklich schätzen für den roten Stamm zu Sigruns Hall zu reisen.“ Es war in der Tat eine große Ehre für einen Außenstehenden wie ihn, eine so bedeutsame Aufgabe anvertraut zu bekommen und zeugte von seinem Verhältnis zum roten Stamm und ihrer Zuversicht in seine Fähigkeiten. Unter normalen Umständen wäre Kjerand deutlich offensichtlicher zur Freude angehalten gewesen, doch die jüngsten Ereignisse zwangen ihn zur Pflicht. Die Reise zu Sigruns Hall sollte zwei Tage in Anspruch nehmen und es würde ebenso zwei Tage brauchen um zurückzukehren. Wenn er nicht jetzt sprach, verwehrte ihm der Krieg des Winters vielleicht eine zweite Gelegenheit zu sprechen, bevor es zu spät wäre.
„Aber“, fuhr er darum jählings unvermittelt fort, „auch ich habe den Ältesten eine bedeutsame Kunde zu vermelden.“ Seine Stimme klang nun ernster als zuvor.
„Dabei möchte ich eure Freude nicht trüben, doch ich muss berichten, dass uns der Winter nicht bloß einen Mondhexer gebracht hat. An diesem jungen Morgen habe ich besorgniserregende Omen gesehen“, sprach er bedächtig und blickte dabei noch einmal unübersehbar zu dem Platz neben Thurgar, bevor seine Augen wieder die seinen trafen und dann in die Runde der Ältesten schauten.

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Geduldig saß sie da, die Hände sichtbar auf ihrem Schoß und ihre Augen stets auf die seinen gerichtet, ganz als wäre ihr verboten, seinen Blick nicht zu erwidern. Doch nahm sie auch die Menschen um sie herum wahr und sah ihnen schließlich dabei zu, wie sie speisten, tranken und sprachen, ganz so, als wären sie es, die von einer anderen Welt stammen müssten. So blieb ihr von Verwunderung gezeichneter Blick lange auf den einzelnen Gesichtern ruhen, manchmal den Augen, manchmal den Mündern folgend, bevor eine andere Hand, ein anderes Gesicht mit einer Bewegung ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und ihr Blick für eine Weile dieser Richtung folgen sollte, nur um jedes mal, wenn der Seher zu ihr aufblickte, wieder ihn anzuschauen.

Vor allem Shenga, die auch das Zittern der Runen mitbekommen hatte, sah, so wie Kjerand seinen Blick zur Traumtochter wandern ließ, immer öfter zu ihm herüber. Kein Wort hatte er mehr von sich gegeben, seit die Runen ihre Magie gewirkt hatten. Und ob der Unruhe, die ihn erfüllte, fürchtete sie fast schon, er wäre kaum im Stande dem Gesagten zu folgen. Erleichterung sollte der Befürchtung folgen, als er im Augenblick der Erwartung einer Antwort seine Sprache wiederfand. Und vor allem Thurgar schien zunächst glücklich darüber, dass Kjerand bereit war diese Reise anzutreten. Dann, als er fortfuhr, wich auch in ihm der Ausdruck seiner Freude einem besorgten, sodass er folgenschwere Kunde vermutend die Hand über den Mund legte und seine eisblauen Augen mit einem Ausdruck der Strenge auf Kjerand blickten. Während auch die hohe Stirn Belengars nun von zahlreiche Falten geschmückt worden war, begangen vier der übrigen fünf Ältesten miteinander zu flüstern, kurz nur, denn die Unruhe sollte bald schon wieder gebändigt werden. Ishra, die einzige Frau, die ob ihres Alters unter den Ältesten saß, ergriff das Wort: „Fürwahr ist uns die Unruhe in deinem Blick aufgefallen.“ – Es war nicht klar, ob sie fertig gesprochen hatte oder unterbrochen worden war, als Shenga nach dieser Aussage auf eines der Zeichen schloss und ihre Eingebung mitteilte: „Ein Geist? Hier in diesem Zelt? Was ist an ihm, das dich so beunruhigt?“

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Als auf seine Worte hin das Flüstern aufkam nutzte Kjerand die Gelegenheit, um erneut zu der Traumtochter zu blicken. Einen Moment lang sah er sie einfach nur an, so als hoffte er die Beweggründe ihres Erscheinens allein aus ihrer bloßen Anmut lesen zu können. Dann, bevor er weitersprach, schloss er konzentriert alle seine drei Augen, atmete ein – atmete aus, öffnete sie wieder und blickte in die Runde der Ältesten. „Der große Traumweber hat uns eine seiner Töchter gesandt.“ Der Hexer griff nach einem ledernen Beutel und nestelte am Verschluss herum. „Nicht im Schlaf, nicht in Form von Zeichen. Euch allen ist meine Bestürzung nicht unbemerkt geblieben“, sprach er ehrlich aus, was nicht bestreitbar war. „Was ist so dringlich, dass den Allsehenden dazu bewegt so direkt mit einem unerfahrenen Seher in Kontakt zu treten?“ Diese Frage barg in der Tat beunruhigende Bedenken. Es mochte zwar vorkommen, dass erfahren Hexer des Rabenkultes die Erscheinungen des Traumwebers anriefen, oder von ihnen heimgesucht wurden, aber dies geschah meist nur mittelbar über Träume oder Rituale. Doch selbst nun, da eine Traumtochter wahrhaftig anwesend war konnte Kjerand sie nicht verstehen. Er war auf den Pfaden der Rabenhexerei noch nicht weit genug bewandert, um die alte Kunst der Albenzunge zu beherrschen und so blieben ihm nur die Runen und seine Klugheit.

In dem Beutel, den er nun geöffnet hatte kamen beschnitzte Rabenknochen zum Vorschein. „Wenn ihr mir die Zeit gebt, werde ich herausfinden wie die Botschaft aus der Anderswelt lautet.“ Er zog die Schnürung des Lederbeutels wieder zusammen und sah erwartungsvoll zu Thurgar.
„Es geschieht zu keinem heikleren Moment. Ich sah im Licht der Morgenröte, wie sich Sturmriesen am Himmelsrand versammelten. Sie folgen einem Banner in die Schlacht.“ Kjerand sprach trotz der beunruhigenden Kunde mit klarer, ruhiger Stimme.
„Wenn diese Ereignisse in Verbindung miteinander stehen, so will ich davor warnen den kommenden Winter zu verkennen. Dann wird es nicht mehr viele Tage dauern, bis sich die Heere eingefunden haben.“ Und wieder ein Blick zu der Traumtochter. War es das, was sie ihnen mitteilen wollte?

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Bereits als er zum Beutel griff, riss die Traumtochter ihre Augen weit auf. Die Fingerspitzen, die in, wenngleich schwach ausgeprägte, schwarze Krallen aufgingen, bohrten sich durch die Kleidung in ihre Beine und selbst ihrer Atmung konnte man ihre Aufregung nun entnehmen. Neben der Nase wurden so zwei weitere Atemöffnungen sichtbar, die kurzen Streifen gleich links und rechts unter den Augen an ihrem Gesicht herabliefen, vorher aber unter der schwarzen Bemalung verborgen waren. Aufgeregt flog ihr Blick nun zwischen den Augen des Sehers und zunächst dem Beutel, nachdem sie zu sehen waren den Knochen, hin und her. Einzig darauf sollte sie die ganze Zeit über gewartet haben.

Auch die Augen der Übrigen zeugten von der Aufmerksamkeit, die sie den Worten des Sehers entgegenbrachten. Thurgars Hand fuhr währenddessen langsam an seinem Kinn entlang und niemand erhob seine Stimme, bis Kjerand darum bat die Knochen befragen zu dürfen. „Natürlich.“, erwiderte Thurgar und deutete mit einer Handbewegung auf den freien Platz zwischen dem Seher und dem zahmen Feuer in ihrer Mitte. Trotz ihrer merkbaren Anspannung hatten die Ältesten das Ausmaß von Kjerands Warnungen noch nicht erahnen können und verharrten in erwartungsvoller Ruhe, bis er von den Sturmriesen zu berichten begann. Dann jedoch sah man ihre entsetzten Gesichter.

Belengar sollte unter den Ältesten als erster wieder zu Worten finden: „Wenn der Winter das Wild in die Täler treibt und die Sturmriesen gegen die Thursen ziehen, dürfen wir keinen Tag länger hier verbleiben. Die Gewalten werden uns in die Höhlen treiben und aushungern.“ – Bestimmend begann Thurgar ihn zu beruhigen: „Noch an diesem Morgen werden wir die Zelte abbauen und die Schlitten herrichten um nach den Tälern zu ziehen, sie wird der Sturm mit milderer Härte treffen.“. Auch Ishra meldete sich zu Wort, „Ich werde dafür Sorge tragen, dass der Mondhexer Estra nicht von der Seite weicht. Kein Leben soll dieser Krieg fordern und mit dem Hexer sollte ihr und auch dem Ungeborenen nichts geschehen.“.

Eilig wurde beschlossen das Sommerlager abzubrechen, da niemand zu sagen vermochte, wie lange der Sturm sie immer weiter in den Schlund des Winters treiben würde. Denn die Lieder ihrer Ahnen waren es, die überlieferten, mit welch unvorstellbaren Schrecken der Immerwinter über die Berge kommen würde, wenn auch die Kinder der Urgewalt in Unzahlen über das Land ziehen sollten. Lieder, die in den hoffnungslosesten Zeiten des roten Stammes gesungen wurden. Lieder, die noch mit uralten Runen als Warnung über die Wände der Höhlen nahe des Sommerlagers geschrieben worden waren. Niemals sollte dies den Überlebenden und ihren Kindern widerfahren müssen.

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Nachdem Thurgar seine Zustimmung gegeben hatte öffnete der Rabenseher den Lederbeutel wieder. Währenddessen beobachtete er die Reaktion der Ältesten. Sie schienen ihn erst nicht zu verstehen, begriffen nicht die Bedeutungsschwere des direkten Auftauchens einer Traumtocher. Doch als er die Bedrohung beim Namen nannte erkannten sie endlich die Weite seiner Worte und er sah das Entsetzen in ihren Gesichtern. „Gebt besonders auf die Kinder acht. Sie erzählten mir, ein Rabe hätte zu ihnen gesprochen. Eine Warnung des Allsehenden vielleicht, der Gefahr für eure Jüngsten aufkommen sieht.“ Wenn er doch nur wüsste, was der Vogel gesprochen hatte.

Kjerand richtete sich zum Feuer aus und legte den offenen Lederbeutel vor sich auf den Boden. Dann zog er eine Rabenfeder aus der Zier seines Mantels. Dabei entgingen ihm nicht die außergewöhnlichen Gebärden der Traumtochter, die aufgeregt schien, wenn man es in menschlichem Verhalten beschreiben wollte. Es musste wahrlich drängen, wenn ein Wesen, das nun ihm Dienste des großen Traumwebers stand, so etwas wie Ungeduld zeigte. Aber selbst Kjerand spürte sein Innerstes vor Erwartung beben, sein Gemüt war aufgewühlt und erregt. Er ließ die Feder zweimal über den Runen kreisen und nur einem aufmerksamen Auge würfe auffallen, dass seine Hände dabei zitterten, bevor er sie schlussendlich neben dem Beutel, mit dem Kiel voran, in den Boden steckte. Erst jetzt nahm er die beschnitzte Knochen heraus und hielt sie anschließend fest in beiden Händen. Sein Blick fuhr dann jäh über die milden Flammen herüber direkt ins Antlitz des Geisterwesens als er sich direkt an sie wandte.
„Oh du Tochter des großen Traumwebers, verrate mir, welche Kunde bringst du aus der Anderswelt!?“ So wie er die letzte Silbe gesprochen hatte, warf er die Runen.

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Kaum verließen die Knochen seine Hände, sollte die Traumtochter ihre Augen ein weiteres Mal aufreißen und ein letztes mal einatmen. Dann waren binnen eines Herzschlags ihre Hände vom Schoß losgelöst und ihr Blick von geistiger Fokussierung erfüllt. Mit einer Hand griff sie über die Feuerstelle, und als sie über, ja fast schon in den Flammen, mit verspannten Fingern verharrte, hielten auch die Knochen inne. Stehend, fallend und gar springend blieben sie auch ohne den Untergrund zu berühren an ihrer Stelle. Kurz nur währte dieser Zustand, doch lang genug um auch Blicke auf sich zu ziehen. Shenga, die zu seiner Linken saß, und einige der Ältesten, die für einen Augenblick zumindest mit ihren Augen seiner Hexerei anstatt den Worten der anderen folgten, blickten gebannt auf das Schauspiel.
Dann rührten sich ihre Finger, durcheinander, jeder für sich selbst, als wäre sie dabei verworrenes Webwerk herzustellen, und die Knochen folgten, rollten und legten sich in die verschiedensten Richtungen. Zuletzt streckte sie in einer letzten Geste alle Finger voneinander, worauf die Knochen an Ort und Stelle auf den Boden darunter niederfielen und tatsächlich eine Rune formten. Eine, die Kjerand nicht kannte.

Ishra sollte seine Neugier schließlich befriedigen: „Hunger.. und Jäger, nachdem sie Estra sahen. Das waren ihre Worte.“ - „Wenn wir die Schlitten herrichten, können wir die Wölfe der Jäger nicht entbehren.“, fuhr Belengar fort. Aus den Zelten würden sie entstehen, auf den Stoßzähnen würden Pelze und alles Habe durch den Schnee gezogen werden. Shenga, die sich zunächst zurückgehalten hatte, da sie unter den Ältesten keine Stimme hatte, brachte Einwände, „Zwei. Er wird Kupfer sehen wollen, nicht nur für die Taufe. Wir nehmen Nugduh, verwundet wird er euch mit den Schlitten ohnehin keine große Hilfe sein. Ich reite alleine mit ihm hinaus und bringe die beiden Wölfe zurück. An den weißen Höhlen werde ich auf euch treffen, lasst ein Zeichen, wenn ihr schon weitergezogen seid.“. Von Stolz erfüllt lächelte Thurgar sie an, „So sei es.“.

Fassungslos schaute die Traumtochter Kjerand an, sah, dass er nicht verstand, was so offensichtlich vor ihm lag. Mehrmals blickte sie aufgeregt zur Rune und wieder zu ihm zurück. Nichts, sie hatte keinen Fehler gemacht. Alles, was er nun wissen musste, lag zu seinen Augen, doch er begriff einfach nicht. War sie etwa den ganze Weg hier her gekommen, um ihm nichts sagen zu können? Zornig verfinsterte sich ihr Blick und auch die Nüstern zu beiden Seiten machten erneut auf sich aufmerksam. Was folgte war ein Beben, dass alle seine Sinne zu erfüllen schien. Schmerzhaft, ungewohnt erhallte die Stimme aus der Anderswelt, doch noch während des Wortes stellten sich seine jungen Ohren darauf ein. „Suaioue.“, ertönte es, ihr Finger deutete in eine Richtung zu ihrer rechten, in Richtung des Phoenixauges, dessen Rune er doch aber kannte, dann nochmal, lauter, stärker betont, „Suaioue. Sua-io-ue.“, wütend schrie sie ihn an, „Sua-io-ue!“. Zuletzt machte sie einen Schritt, geradewegs auf ihn zu, sodass sie mit einem Knie in dem Feuer stand. Ihre Hand aber fuhr binnen dieses Augenblickes in das dritte Auge auf seiner Stirn ein.

Schmerz. Und Finsternis. Die Berührung einer Traumtochter sollte Visionen bringen, doch musste der Geist mittels Meditation darauf vorbereitet werden. So war es eine unsäglich grausame Erfahrung die Visionen ohne den lindernden Schwarzeibentrunk und fokussiertes Bewusstsein zu erhalten. Hatte sie tatsächlich die Geduld verloren? War sie selbst jung in ihrer Rolle, so wie er? Hatte sie keine andere Möglichkeit gesehen, es ihm zu vermitteln? Oder sollte ihr Zorn ihn gar in eine Verfassung bringen, die die kommende Vision annähernd erträglich machte?

Schwärze, Dunkelheit, doch langsam leuchteten kleine Funken darin auf. Schwaches Licht, strahlende Punkte, Sterne! Ein Muster, er kannte es, hatte es schon einmal gesehen, doch etwas war falsch darin. Dann, in mitten der anderen, leuchtete ein weiterer auf. Bläulich, klein und von schwachem Licht. Er hatte ihn schon einmal bemerkt. Darauf fiel sein Fokus. Raunen. Langsam verschwanden die Bilder und die Traumtochter, mitten im Feuer stehend, kam wieder zurück. „Suaioue“, sprach sie ein letztes mal, ruhig, versöhnlich, und deutete in die Richtung des Phoenixauges, ein gutes Stück weiter oben am Himmel. In die Richtung, in der auch jener Stern liegen musste. Dann folgte sie ihrem Fingerzeig und ging durch die Zeltwand hinaus.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:45
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Während die Knochen durch die Luft flogen, war Kjerand, als bliebe ihm sein Herz stehen. Es folgte das magische Spiel der Traumtochter, welches der Rabenseher ebenso erwartungsvoll und begierig beobachtete wie die anderen um ihn herum, nur mit dem Unterschied, dass er noch weitaus mehr sehen konnte als sie.
Als die Knochen letztendlich zu Boden fielen, wagte er es kaum den Blick zu senken. Sein Herz raste nun wieder, drückte ihm gegen die Brust, nahm ihm den Atem. Schließlich traute sich der Hexer sein Augenmerk auf die Runen zu werfen. Er spürte den Puls an seiner Kehle pochen. Da stand die Antwort, direkt vor ihm.
Und er – verstand sie nicht.
Ishras Worte nahm er kaum mehr auf, denn seine Aufregung kehrte sich in Sorge um. Diese Rune hatte er noch nie zuvor gesehen. Entgeistert starrte er auf die Rabenkochen hinab, rutschte auf den Knien ans Feuer, beugte sich auf beide Hände gestützt über die Knochen und suchte die eingeschnitzten Runen wie verkrampft mit seinen Augen ab, doch es war vergebens. Aufkommende Verzweiflung füllte seinen Kopf mit dumpfer Schwere, als er versuchte sich an seine Lehre von den Runen zu erinnern. Da war nichts. Es ergab für ihn keinen Sinn, er konnte die Botschaft aus der Anderswelt nicht lesen.

Erschrocken sah Kjerand auf und blickte in die sich verfinsternden Augen der Traumtochter. „Ich.. ich verstehe dich nicht. Was willst du mir damit sagen?“, fragte er ob ihrer verdrießlichen Miene fast flehentlich.
„Ahhr“, schrie er dann plötzlich auf, als nur für ihn hörbar ihre Stimme aus der anderen Welt zu ihm drang – laut und schmerzvoll. Suaioue. Suaioue? Was sollte das bedeuten? War dies der Name der Rune? War es die Bedeutung der Rune, oder war es nur ein weiter Hinweis? Sein Augenmerk folgte ihrer Hand zum Phoenixauge. „Was–“, begann er rätselnd und suchte, verzweifelt den Kopf schüttelnd, den Blick der Traumtochter, als sie ihr Wort noch eindringlicher wiederholte. Der zornige Ausdruck in ihrem Gesicht verängstigte Kjerand zusehends, er hatte bislang kein Geisterwesen so erzürnt erlebt. Weder wusste er, wie gefährlich sie sein konnte, noch, was nun passieren würde. Als die Traumtochter ungehalten durch das Feuer schritt und auf ihn zukam, fiel der Seher nach hinten zurück, versuchte ihr, den Boden mit den Beinen wegtretend, zu entkommen. Aber sie war schon bei ihm, ehe er sich recht bewegen konnte und stieß mit ihrer Hand mitten in sein drittes Auge.

Kjerand fiel in eine Dunkelheit, in der er seinen eignen Schrei nicht mehr hörte und die Grenzen seines Körpers keine Bedeutung mehr hatten. Inmitten von Finsternis sah er in die tausend Augen des Traumwebers, die Sternrunen am Firmament. Die Vision. Ihm war der Anblick der Gestirne vertraut und so bemerkte er nun endlich, was er wohl von Anfang an hätte sehen sollen. Suaioue. Darum ihre Geste. Suaioue. Diese fremde Runde. Suaioue. „Suaioue“, sprach er der Traumtochter nach den Lippen.
Die Wirklichkeit kehrte in Kjerands Augen zurück und er sah das nun wieder friedliche Gesicht des Geisterwesens. Als sie sich in Bewegung versetzt und das Zelt verließ, folgte er ihr zunächst nur mit dem Blick, bevor er hastig versuchte der vor allen anderen Augen Verborgenen zu folgen. „Warte!“ Aber sein Körper war noch zu benommen und bei dem Unterfangen sich übereilt zu erheben, strauchelte er und stürzte wieder, ob all der Talismane und Ketten nicht geräuschlos, zu Boden.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:46
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„So sei es.“ - Kaum waren Thurgars letzte Worte gesprochen, folgten auch die Blicke der übrigen Ältesten dem Hexenwerk, blickten nach den Knochen, die zunächst wirr durcheinander gesprungen, inzwischen aber doch hernieder gefallen waren, um so etwas wie ein Zeichen zu bilden. Eines, dem sie nicht mehr und nicht weniger entnehmen konnten, als wenn sie die Knochen selbst fallen gelassen hätten. Aber alles lag dennoch auf so wundersame Weise beieinander, das man schon ob seiner Art sie zu werfen von Hexerei, zumindest aber von einem Kunststück sprechen müsste.

Ruhe war eingekehrt, schon angesichts des Respekts gegenüber der heiligen Hexerei des Allvaters, doch vermochte sich auch niemand auszumalen, wie anstrengend es für den Seher sein musste, die Zeichen zu lesen, geschweige denn zu deuten. So war einzig das leise Knistern des Feuers zu hören, als ihrer alle Augen auf dem Seher und den Knochen lagen. Aber auch ihm schien es mit dem Versuch der Deutung nicht anders zu ergehen, als den übrigen im Zelt, da er in seiner Verzweiflung bereits über der Rune niederkniete und offenbar zu dem unsichtbaren Geiste an der Seite Thurgars sprach, ihn gar anflehte ihm mehr zu offenbaren. Die Stimme, die vorhin noch so besonnen und ruhig von den zu erwartenden Bedrohungen berichtet hatte, war nun am verzweifeln.

Ein unerwarteter Schrei sollte die Gesichter der Stammesmitglieder mit noch tieferer Besorgnis zeichnen – Shenga war bereits versucht nach seinem Arm zu greifen, um ihn aus seiner Trance herauszuschütteln, doch ein Wink Thurgars sollte sie daran hindern. Langsam glitt seine rechte Hand nun vor ihm herab und deutete ihr wieder auf ihren Platz zu finden, während sein Kinn auf der linken und sein Blick auf Kjerand ruhten. Folgsam sollte sie sich wieder setzen.

Auch dem Blick zur Zeltwand sollte Thurgar nicht folgen. Kopfschütteln und die zunehmende Angst in des Hexers Augen deuteten, dass er die Botschaft noch immer nicht vernommen hatte und die Traumtochter darüber alles andere als erfreut war. Als er schließlich nach hinten umfiel und seine Furcht der Panik gewichen war, schritten Shenga und ein Ältester ein, griffen nach seinen Armen und auch Thurgars enttäuschtem Blick konnte man nun entnehmen, dass der Seher an seiner Hexerei gescheitert sein musste.
„Kjerand!“, kein Erwachen, ein Schrei sollte dem Ruf folgen. Und auch weiteres Rufen schien sinnlos, verblasste verglichen mit den schmerzerfüllten Lauten, die er von sich gab, und selbst die schien er schon nicht länger wahrzunehmen. „Kjerand!“, noch immer schüttelten sie seinen in die Bewusstlosigkeit gefallenen Körper. Verzweiflung war in einigen der Gesichter zu lesen, Furcht, das sie ihn verlieren würden. - „Kschschhh“, wieder war es Thurgar, der sie beruhigte. Sein Blick, die eisblauen geweiteten Augen, deuteten auf Kjerands Lippen. Langsam, mühevoll, kurz hatten sie sich bewegt. Dann wieder. Shenga legte ihr Ohr daran, weit aufgerissen zeugten auch ihre Augen davon, dass sie sich von dem Wort ein Lebenszeichen erhoffte. Leise, ein Flüstern nur, doch deutlich genug. „Hexensprache,“, rief sie heraus, „Swaioue.“. Erneut blickte sie zu Kjerand, der wieder zur Besinnung kam. Freude, Erleichterung standen ihnen ins Gesicht geschrieben, als sie ihm nun aufhalfen. Doch kurz nur sollte er aufrecht dasitzen wollen. Bald schon rief er wieder nach dem Geiste, schien ihn fassen zu wollen und scheiterte wohl, als er wieder niederfiel.

„Kjerand?“, zaghaft klang Shengas Stimme, doch konnte auch der letzte Sturz ihre Freude über sein Erwachen nicht trüben. Erneut halfen sie ihm auf, halfen ihm wieder einen Platz in ihrer Runde einzunehmen, ohne dabei mit den Knochen in Berührung zu kommen. Noch bevor er wieder unter ihnen sitzen sollte, hatte Thurgar wieder das Wort ergriffen: „Bald schon werden wir vor dem Stamm sprechen, sie sollten sich bereits vor dem Zelte sammeln.“, sein schweifender Blick sollte auf dem Seher zur Ruhe kommen, „Sag, Kjerand, was hast du in Erfahrung gebracht?“.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:46
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Schwer atmend blickte er mit konfusem Blick in Shengas Antlitz. Sein Brustkorb hob und senkte sich kräftig und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Dem Hexer war nicht einmal aufgefallen, dass zwei Leute ihn gepackt hatten. Überhaupt hätte er nicht mehr sagen können, was während der Vision mit seinem weltlichen Körper geschehen war.
Wie aus Furcht, das Gesehene vergessen zu können, überschlug er sich fast in Worten, als er keuchend und nach Luft ringend antwortete. „Suaioue. Wo das Phoenixauge liegt. Am Firmament. Es ist unter den Sternen, dort.. “, schnaufte er, mit dem Blick noch immer an die Zeltwand gerichtet, wo vor wenigen Augenblicken die Traumtochter verschwunden war. Warte! Komm zurück! Doch sie hörte nicht auf seinen stummen Befehl. „Suaioue“, wiederholte er verworren, „der falsche- nein, neue Stern. Ich muss.. “ In seinem jetzigen Zustand schien es ihm unmöglich die Vision in Worte zu fassen.
Kjerand hob eine Hand, unterbrach sich selbst und bat offenkundig um einen Moment der Einkehr. Erschöpft seufzend ließ er die Hand wieder sinken und sackte auf seinem Platz zusammen. Es war ihm nicht möglich zu sagen, wie lange es gedauert hatte, doch selbst wenn es nur Augenblicke waren, hatten der Schmerz und die schier überwältigenden Eindrücke den jungen Seher vollkommen entkräftet. Er musste sich sammeln, musste seine Konzentration zurück finden.

Während er wieder zu Atmen kam, sah er mit einem knappen Lächeln kurz hinauf in das Shengas Gesicht. Als sich sein Körper wieder einigermaßen beruhig hatte tat der Seher noch einen langen Atemzug und erwiderte dann Thurgars erwartungsvollen Blick. „Ich sah, wie sich am Himmel ein neues Auge aufgetan hat. Der Traumweber ließ mir zeigten, wie ein blauweißes Gestirn inmitten vertrauter Muster erschien – hinter dem Phoenixauge, weit oben am Himmelsgewölbe. “ Er sah bei seinen Worten nachdrücklich auf die Runen hinab. „Ich vermute, die Antwort findet sich unter diesem Stern.“ Wieder suchte sein Blick die Augen der Ältesten. „Doch ich bitte euch, gebt mir noch etwas Zeit. Vielleicht bin ich im Stande, mit besonnenem Geist die Botschaft besser zu deuten.“ Wenn es ein Zeichen größer Umbrüche war, dass viele Ereignisse auf eine kurze Zeitspanne fielen, so stand dem roten Stamm ein herausforderungsvoller Winter bevor. Kjerand fragte sich, ob es ihm gelingen konnte seine Vision, noch vor Anbruch seiner Reise zu Sigruns Hall, oder dem Aufbruch des Stamms in die Talländer, klarer zu verstehen.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:46
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Er sprach es anders aus als Shenga, nahm sich mehr Zeit, um vor allem die erste Silbe klanghafter zu betonen. Es ging um die Gestirne. Wirr rief er durcheinander, bevor er sich von einer Geste begleitet selbst zur Ruhe ermahnte. Ein neues Auge, der Traumweber schaute aus seinem Reich auf etwas in ihrer Welt hinab. Blauweißes Gestirn... „Nichts neues.“, wies Thurgar seine Bitte um mehr Zeit diesmal zurück. „Mir scheint, die Botschaft war mehr für dich, denn für uns bestimmt. Acht.. vielleicht neun Tage. Jag' deinen Stern, wenn du es bewerkstelligen kannst, doch wir müssen aufbrechen, im Winterlager Schutz suchen, bevor auch die Thursen ihr Werk beginnen. Nun aber erwartet man uns.“. Kaum war dies gesprochen, erhob sich Thurgar, um an ihnen vorbei als erster das Zelt zu verlassen.

„Schaffst du..?“, ohne groß weitere Worte zu verlieren war man wieder dabei ihm aufzuhelfen. Schließlich würden die Menschen auch den Seher erblicken wollen, um seinem hoffnungsvollen Gesicht zu entnehmen, dass ihnen kein Unheil widerfahren werde, wenn Thurgar von der großen Reise zu sprechen begann. Auch war es für sie ein Zeichen von Stärke präsent zu sein, vor allem bei solch wichtigen Versammlungen.

Alle waren bereits erschienen. Die Krieger und Jäger, Männer und Frauen, Kinder und Jugend, sie standen dort um in aller Ehrfurcht die Worte ihres Ältesten zu erwarten. An die vierzig Personen waren vor den sieben Ältesten, Shenga und Kjerand zusammengekommen und keiner von ihnen sollte dem Seher über dessen Augenhöhe hinauf reichen. Still hatten sie vor dem Zelt zu warten vermocht, um die Versammlung darin nicht zu stören. Auch die Wölfe, inzwischen wohlgenährt, hatten unter den Menschen Platz genommen und beobachteten mit aller Aufmerksamkeit die aus dem Zelt geschrittenen, und selbst der Mondhexer, fern der anderen, doch in Hörweite, stand dort nun um ihn anzuhören. Das Gesicht eines weißen Wolfes lag über seinem Kopf und verbarg, da er diesen gesenkt hatte, das seine. Alt schien der Wolf gewesen zu sein, weite Ringe zogen seine Augen, und auch der Bart des Hexers, der unter seiner Kopfbedeckung hervorragte, war in borstigem weiß erblasst.
„Kjerand“, sollte Thurgar die Ansprache beginnen, da jener noch aus dem Zelt geleitet wurde, „reist heute zu Sigruns Hall, um Kupfer für die bevorstehende Bluttaufe zu erhandeln.“. Während sie in dem Stammeszelt gesessen hatten, hatte sich die Botschaft beim gemeinsamen Speisen unlängst verbreitet. Und so blickte nicht nur Estra an der Seite des künftigen Vaters ihn noch immer überglücklich an. Auch dieser legte mit freudigem Ausdruck seine rechte Faust über das Herz und streckte sie kurz darauf in seine Richtung, dankbar, dass er ihrem Kind solch eine glückliche Zukunft bescheren würde. „Aber auch wir werden heute noch aufbrechen müssen, um in den Talländern Schutz vor dem drohenden Sturm zu suchen. Nach dem Winterlager, wo wir Kjerands Rückkehr erwarten werden.“. Sorge und Ernst waren eingekehrt. Estra schien aufgeschreckt, ließ sich aber offenbar beruhigen. Überrascht legte so mancher die Hand vor den Mund oder wagte einen verunsicherten Blick nach den anderen. Doch die meisten lösten den ihren nicht von ihrem Stammesältesten. Bedeutend war die Kunde, aber ebenso wichtig war die Einigkeit, mit der sie der neuen Bedrohung gemeinsam entgegenblicken mussten. Und auch sie galt ihrem Stamm als ein Zeichen der Stärke. „Bereitet die Reise vor.“, mit diesen Worten trat Thurgar ab und ließ die Ruhe, die seine Ankündigung begleitet hatte, in den zahlreichen Stimmen des Stammes aufgehen. Die Ältesten verteilten sich sogleich unter den Menschen, die bereits darüber berieten, wie man ans Werk gehen sollte. So trat Ishra, die kurze Worte mit dem Mondhexer gewechselt hatte, nun an Estra heran, Thurgar hatte sich mit den Kriegern versammelt und Belengar weihte die Jäger ein, bevor er selbst zu einer anderen Gruppe von Stammesmitgliedern trat. Auch Shenga hatte sich unverzüglich zu den Wölfen hin entfernt und war nun dabei sich für die bevorstehende Reise weitere Felle an die Unterarme zu schnüren. Noch bevor die Sonne beginnen würde sich wieder zu neigen, sollte der Stamm bereits fortgezogen sein.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:47
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Noch immer etwas mitgenommen von den Ereignissen vernahm er Thurgars Antwort. Vielleicht war es wegen seinem gegenwärtigen Zustand, oder weil ihm die Erfahrung des Alters fehlten, Kjerand verstand die Intention hinter seinen Worten nicht. Wie konnte er so sicher sein, dass die Botschaft des Traumwebers nur den Seher selbst betraf und nicht das Schicksal des roten Stammes?
Aber er respektierte die Entscheidung des Ältesten ohne Widerworte. „Ihr könnt euch gewiss sein, dass ich meine Angelegenheiten nicht höher schätzen werde als die Belange des Stammes“, gab der Rabenhexer der Runde der Ältesten zu wissen, noch ehe sich Thurgar erhoben hatte um das Zelt zu verlassen.

„Hab Dank.“ Kjerand ließ sich helfen und fand nach wenigen Momenten auch wieder einen sicheren Stand. Er wusste was nun folgen würde und war sich der Pflicht bewusst, der er als Seher für den Stamm nachgehen musste. Es war das Mindeste, die weisen und ermutigenden Worte eines Ältesten nicht durch ein besorgtes Gesicht bloßzustellen. „Ab hier schaffe ich es alleine“, bedankte er sich am Ausgang des Zeltes und machte sich von seinen Helfern los.

Als er nach draußen trat hatte Thurgar seine Ansprache bereits begonnen, weshalb er sich rasch in die Reihe neben die anderen Ältesten und Shenga gesellte. Nicht ohne ein wärmeren Ausdruck aufzulegen nickte Kjerand zustimmend, als der Älteste die Reise des Sehers nach Sigruns Hall bekannt gab, bevor er dann die Notwendigkeit des Aufbruchs in die Talländer ansprach. Es war immer wieder erstaunlich, und er merkte es in Zeiten wie diesen, was für ein beeindruckender Mann Thurgar war, so besonnen und klar zu reden, wo das Thema kaum ernster sein konnte.
Als sich die Versammlung nach der Rede mehr und mehr aufzulösen begann und jeder an seine ihm zugetraute Arbeit ging, um die Reise vorzubereiten, blieb Kjerand noch einen Moment stehen und dachte nach. Sein Blick war bei dem Mondhexer hängen geblieben, der nun ebenfalls für sich alleine stand. Zu gerne hätte er noch ein Wort mit ihm gewechselt, doch es drängte und er musste noch einiges für seine Reise zu Sigruns Hall erledigen. Es gab keine Zeit zu verlieren, wenn er auf dem Weg noch der Botschaft des Traumwebers nachgehen wollte. Und so wandte sich auch Kjerand ab, um mit seinen Vorbereitungen zu beginnen.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:48
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Zuckungen in seinem Gesicht verrieten, dass er etwas gewittert haben musste. Dann, ruckartig, blickte auch der Mondhexer auf, zeigte letztlich sein grimmiges Gesicht und starrte direkt zu Kjerand. Die Nase zuckte noch immer und wurde nur selten von schwerem Atmen abgelöst, bei dem er kalte Dunstwolken heraus schnaubte. Das rechte Auge, zutiefst vernarbt, war kaum mehr als solches zu erkennen, das linke aber, dunkel, geweitet und im Schatten des Wolfsmauls glänzend, schien zornig, hassend, gar mordlüstern ob des Umstandes, beobachtet zu werden.

Den gesenkten Kopf schüttelnd schritt dann aber auch der Mondhexer los. Langsam, schweren Schrittes, fast taumelnd bewegte er seine müden Knochen und so schien es, als sei er selbst noch schwach, erschöpft von seiner Reise, oder aber als hätte er bereits ein stattliches Alter erreicht. Der weiße Bart, der auf Höhe seiner Kehle getrimmt war, und auch die wenigen Falten in seinem blassen Gesicht ließen kaum Rückschlüsse auf sein Alter zu. Am Zelt der Ältesten angekommen schimpfte er kurz mit einem Stammesbruder, der ihm kurz darauf den Keilerkopf aus diesem brachte, worauf der Hexer ihn an einem der Hauer ergriff und davontrug.

Das erste Zelt war bereits ausgeräumt und wurde von seiner Ummantelung befreit, als Shenga die Reisebekleidung fest zusammengebunden hatte und mit einigen Provianttaschen herbeikam. Vor allem abseits der Knie, an den Unterarmen und vom Hals an über die Brust bis zum Bauch war sie nun dick eingeschnürt, aber auch sonst war bis aufs Gesicht jeder Körperteil unter Pelzen bedeckt, die, wo von ihnen weniger genutzt wurde, ihre Bewegungsfreiheit gewährleisten sollten. Und selbst von ihrem Gesicht würde später nicht viel zu sehen sein, wenn die Mundtücher aus dem Halsbereich heraufgezogen und an der Kapuze eines Mantels festgebunden werden sollten.

Drei mal grunzten die Krieger die Speere an ihre Schilde schlagend auf, bevor sie beides in einem Jubelschrei erhoben und mit zahlreichen wohlwollenden wie vertrauensvollen Blicken beschenkt wurden. Kurz währte die Unterbrechung aller Arbeiten, bevor auch Thurgar und die Krieger sich verteilten und allerorts ans Werk machten, dann erst konnte Shenga sprechen, die bereits vor ihm stand. „Die Wölfe stehen schon am Abstieg.“, deutete sie mit einer Hand in Richtung einiger Jäger, die ihre Reittiere vorbereitet hatten. Nachdenklich, streng schaute sie in Richtung Süden, und es war, als hätte sie Thurgars Blick, als sie die nächsten Worte von sich gab, „Sobald wir zum Speisen rasten, trennen sich unsere Wege. Ich nehme Nugduh, er wird sich heute nur schwer beherrschen lassen. Du darfst seinem besonnenen Bruder all die schweren Taschen aufbürden.“ Es dauerte einen Augenblick, ehe sie ihren Geist von dem Blick des brennenden Auges und dem Wesen ihres Vaters lösen konnte und mit einem erwartungsvollen Lächeln und ihren strahlenden weißblauen Augen wieder zu Kjerand schauen sollte, „Bereit aufzubrechen?“

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:48
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Es war das erste Mal gewesen, das Kjerand die Gelegenheit hatte, das Gesicht des Mondhexers genau zu betrachten. Der Groll in seinem Blick war erschreckend tief und dunkel gewesen, etwas das dem Rabenseher Sorge bereitete. War es nur der Umstand, dass er nach seiner beschwerlichen Reise gleich wieder aufbrechen musste und keine Rast gewährt bekam, oder verfinsterte etwas anderes die Laune des Mondhexers? Bei all den warnenden Vorzeichen mochte Kjerand womöglich etwas übervorsichtig geworden sein und aus jedem Schatten eine Bedrohung herauslesen, aber er spürte das wachsende Bedürfnis, jemanden ein Auge auf ihren Gast haben zu lassen. Seine Raben würden ihn nicht mehr lange beobachten können, wenn der Stamm und er einmal in unterschiedliche Richtungen aufgebrochen waren, aber sich einem der Stammesleute anzuvertrauen würde bedeuten, offen sein Misstrauen gegenüber dem Mondhexer auszusprechen. Durfte er so weit gehen, das Ansehen des Fremden für einen so unscheinbaren Verdacht zu gefährden? Es war nicht ausgeschlossen, dass er sich irrte und Anspannung den Blick des Sehers vernebelte. Eine derartige Anmaßung gegenüber dem Mann, der Estras Kind die Bluttaufe schenken wollte, würde ihm dann nicht verziehen werden.
Kjerand entschloss sich nichts zu sagen. Im Zweifelsfall würden die Ältesten wissen was zu tun war. Vermutlich bildete er sich das alles ohnehin bloß ein.

Den Speer zum Stabe tragend stand der Rabenhexer bepackt und warm eingekleidet an Shengas Seite. Es hatte nicht allzu lange gedauert bis er seine Habseligkeiten für die Reise zusammengesucht hatte. In einigen Lederbeuteln fand sich all sein nötiges Reisegepäck, aber auch einige Utensilien für die Praktiken des Rabenkultes hatte er dabei. Er würde seinen Stern jagen, wie Thurgar es gesagt hatte.
Kjerands Blick schweifte weit bis Shenga zu sprechen begann. Als sie nicht hinsah schüttelte er leicht schmunzelnd den Kopf. Sie klang schon wie eine der Ältesten und das in ihren jungen Jahren. „Dann ist es an der Zeit.“Der Rabenhexer erwiderte ihren letzten Blick mit einem ebenso warmen Ausdruck in den Augen, nur seine Rabenperle auf der Stirn starrte reglos und leer. „Es gibt nichts mehr, das noch einen Aufschub unserer Reise verlangt.“

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:48
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„Es ist soweit!“ - Eines der Kinder, die dabei waren Schlafzeug, Beutel und Bekleidung aus dem nächsten Zelt zusammenzutragen, hatte die beiden mit seinen großen Augen erblickt, wie sie ihre schweren Taschen trugen und bereits in warme Reisekleider gepackt waren. Da standen sie schon, Kjerand in seinen dunklen, Shenga in hellen Pelzen. Wie Tag und Nacht waren sie am Abgrund vor dem großen Auge zusammengekommen, kurz davor hinauszureiten, um tatsächlich jenseits ihrer Jagdgründe andere Menschen aufzusuchen.
Eilig rannte er los. Er durfte nicht so laut sein, dass sie ihn bemerkten, und doch musste er die Botschaft überbringen, bevor es zu spät wäre. Da standen sie, Mutter, Vater, Belengar! Er würde wissen, was zu tun war, er war ja alt, die wussten immer, was zu tun war. - Noch bevor der herangeeilte Junge ein weiteres Wort von sich geben konnte, war Belengar schon dabei ihn zu beruhigen. „Kschh..“, legte er ihm mit einem warmen Lächeln eine Hand auf die Schulter, „Komm, es ist soweit.“ – Blicke wurden ausgetauscht. Ein Wink, ein Nicken, stumm machten sich alle auf den Weg zum Abhang, wo schon die Jäger mit den zwei Wölfen standen.

Wie so manch einer schon blickte auch sie kurz nach dem Rabenauge, sah wie sich ihre Welt darin spiegelte und über dem Himmelsrand vom Licht der Sonne erfüllt war, darunter jedoch vom glänzenden schwarz verschlungen schien, als würde ein Schatten über all dem Schnee liegen. Dann glitt ihr Blick fort, hinter ihn, wo sich auf dem Pfad zum Abstieg bereits der Stamm sammelte. „Dann los.“, entgegnete sie ihm und machte sich auf, hinter ihm herzuschreiten.

Thurgars Gesicht sollte Kjerand als erstes erblicken. Freudig, wohlwollend legte er ihm seine Hand auf die Schulter, „Mögen unsere Gebete dich begleiten.“, bevor er Kjerand an ihm vorbeischreiten ließ und seine Hand sich von dessen Schulter lösen sollte. Doch die nächste sollte folgen, „Mögest du deinen Weg finden.“, „Möge der Winter dich verschonen.“, „Mögen die Götter dir gesonnen sein.“. Zahllose Hände sollten sich aus der Menge heraus auf seinem Weg zu den Reitwölfen über seine Schultern, Arme, seinen Rücken legen, begleitet von ihren Wünschen für seine Reise, zahlreichen Stimmen, die durcheinander sprachen, doch jede deutlich genug, gehört zu werden. Ein jeder aus dem Stamm war gekommen, um sich von ihm zu verabschieden. Etwas, das sie schon lange nicht mehr hatten tun müssen. Und so waren Mut zusprechende, glückliche, wie auch ob des Abschieds traurige Gesichter unter ihnen. „Danke.“, war alles, was Estra aus sich heraus brachte, bevor ihre Hand an seinem Arm herabgleiten sollte.

Sie alle standen noch um Kjerand herum, als er bei den Wölfen ankam und Shenga hinter ihm aus der Menge schritt, gespannt darauf aus seinem Gesicht zu lesen. - Die Zähne zeigend wie auch bedrohlich knurrend sollte Nugduh Shenga erblicken, offenbar fühlte er sich bedroht, fürchtete bestraft zu werden oder dergleichen. Unbeeindruckt befestigte sie die Taschen am Sattel und ihren Speer quer über ihrem Rücken, bevor sie in einem Schwung aufstieg und es kurz schien, als würde der Wolf mit dem verletzen Bein unter all dem Gewicht zusammensacken. Doch noch immer leise knurrend fing auch er sich wieder.

Shenga wartete kurz, bis auch Kjerand bereit war. Ein breites Grinsen sollte ihr Gesicht zieren, als die meisten schon nach den ersten großen Schritten ihrer Tiere außer Hörweite zurückgeblieben waren, „Bloß keinen Übermut, die freuen sich nur dir für einige Tage nicht mehr beim Schnarchen zuhören zu müssen.“, entgegnete sie ihm, bevor sie ihre Mundtücher bis unter die Augen zog und ihr Wolf sich mit einem geräuschvollen Biss ins Leere aufmachte den Hang hinunterzueilen.

~


Weit waren die Jagdgründe. Schneebedeckte Landschaften, die sich langsam nur, aber endlos zu Hügeln erhoben. Der Odem des Winters blies über das Land. Immer stärker, lauter, und dann wieder versiegend, verstummt, tot, als hätte der Lärm alles verschlungen, sodass es nichts lebendes mehr gab, bis ein Falkenschrei die Stille aufriss. Wieder. Und wieder.

Hohe Felsen brachen den Schnee auf, standen auf Hügeln und in Gruben beisammen, verbargen so manche Höhle und ließen, selbst zerbrochen, den Wind zwischen ihnen pfeifen. Mancherorts lag bei den Felsen Schutt und Gestein statt des weißes Schnees über den Feldern, ließ nur weiße Pfützen darin zu und zeigte mit blassen, trockenen Kräutern und verdorrtem Geäst etwas von kargen Vegetation der Lande.

In einer Senke erblickten sie zwei grasende Wollnashörner, die in ihrem hellen braun den Schnee aufwühlten. Fern, friedlich, ohne den beiden Reitern auch nur Beachtung zu schenken.

Am Horizont aber gipfelten zu allen Seiten die Mondberge. Massive, steile Felsformationen, reich an Klippen, Anhöhen und scharfen Bergkanten, die zu ihrer windgeschützten Seite nur wenig vom Fels unter dem Schnee präsentierten, auf der dem Wind zugewandten wiederum zwischen dem scharfen Gestein nur wenig vom Weiß zeigten. Auch dort würde sich in den zahlreichen Schattierungen so manches Wesen verbergen.

Wie ein leichter Nebelschleier lag inzwischen eine Wolkendecke über dem Himmel, die bereits den Mond in Unschärfe verzerrte, doch zugleich vom Licht der beiden großen Himmelskörper erfüllt den Himmel hell erleuchten ließ. In der Ferne zog auch eine dunkle Wolkenfront auf, ein Riese, der darin gekleidet über den Himmel zum Banner schritt. In Richtung Süden würde er zum Abend Kjerands Weg kreuzen.

In der Ferne brachen die Laute heulender Wölfe aus den Bergen den inzwischen peitschenden Wind auf, als Shenga die kommende Rast andeutete. Große Felsen standen dort, hielten den Wind zurück, und auch ein Baum hatte auf dem schneefreien Platz dahinter ausreichend Schutz gefunden, um zwischen den Steinen heraufzusteigen. Blattlos, ausgedörrt stand er nahe an einem der emporragenden Felsbrocken. Eine alte Feuerstelle deutete, dass dieser Ort schon von manchem Jäger als Raststätte genutzt worden war. Und auch ein Jöte hatte hier vor seinem Ableben gerastet. Verwaschen konnte man im Gestein noch immer sein Gesicht erkennen. Bärtig, alt, müde blickte, der hier einst in seinem Mantel saß, zu Stein erstarrt auf den Feuerplatz und hielt mit seinem Rücken den Wind fern. Harggrs Rast, hier würden sich ihre Wege trennen.

Nugduh hatte bereits Platz genommen und schien recht erschöpft, als Shenga das Feuer entzündete.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:49
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All diese Hoffnung, all diese Zuversicht. Als Kjerand an den Reihen wartender Menschen vorbeischritt und ein jeder ihm seine besten Wünsche mit auf den Weg gab befiel den Rabenseher Unbehagen. Es mochte ihm nicht fremd sein, einer bedeutsamen Aufgabe nachzugehen, doch dies war für ihn das erste Mal, dass ihm die Reichweite auf menschlicher Ebene bewusst wurde. Wenn man sah, wie große Jäger verabschiedet wurden, konnte man zwar spüren wie stark die Emotionen in den Herzen des Stammes waren, doch bevor man nicht selbst im Fokus dieser erwartungsvollen Blicke stand würde niemand verstehen was es wirklich bedeutete. Wie sollte er nur in einer solchen Situation angemessen reagieren?
Sein Lächeln wirkte leicht versteift. Kjerand war nicht klar ob er ebenso strahlend und mit stolzgeschwellter Brust zurück lächeln, oder jeden Gruß bloß bescheiden und mit höchster Dankbarkeit akzeptieren sollte. Estras Wort des Dankes schließlich gab ihm den Rest. Ich werde ihr nie wieder in die Augen blicken können, wenn ich versage, ging es ihm mokant durch den Kopf.

„Es würde mich auch wundern, wenn es etwas anderes wäre. So viel Vertrauen hätte nicht einmal ich in mich selbst“, entgegnete der Rabenhexer voller Selbstironie auf Shengas Neckerei hin, als die andere ihn nicht mehr hören würden.

Während ihrer Reise durch die weiten Jagdgründe sagte Kjerand kaum ein Wort. Viel zu oft galt sein Blick dem sturmbekleideten Riesen am Horizont und seine Gedanken waren ihm zu wild und aufbrausend, als dass er viel Konzentration für seine Begleiterin gefunden hätte. Durch ihre dicke Winterkleidung, die Tücher die Mund und Nase vor der Kälte schützen, wäre es ohnehin nicht einfach gewesen sich zu unterhalten. Im Grunde war es Kjerand auch lieber so.
Es waren nicht nur Falken gewesen, die ab und an den kalten Himmel mit ihrem Bild zierten, auch Vertraute des Rabenhexers spähten nach den Reisenden. In den weiten Hochebenen schienen sie nur kurz aufzutauchen – wie Geister nur kurz gesehen und dann verschwunden zu sein. Sah man über sich einen Raben, so war er beim zweiten Hingucken nicht mehr da und auch die dunklen Vögel in den dürren Bäumen, schienen sich nicht lange auf den Ästen zu halten.

Als sie endlich Harggrs Rast erreichten blickte Kjerand mit Erleichterung hinauf zu dem Riesen. Hier würden sie vor den Winden seines Gewandes geschützt sein, zumindest für den Moment.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:49
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Langsam schritt er über den Himmel, ganz, als würde die Zeit für so ein mächtiges Geschöpf anders verrinnen. Gebeugt lief er und hatte wohl eine Waffe geschultert, die jenseits des Schaftes in den dunklen Wolken verborgen blieb. Unaufhörlich kam er dabei aus der Wolkenfront heraus, die von den Poren seines Körpers genährt wurde, sodass selbst gewöhnliche Menschen das Antlitz des Riesen ohne weiteres hätten ausmachen können und so mancher ob seiner mächtigen Gestalt den Beistand seiner Götter erbeten hätte.

Über Kinn und Wangen wuchs ihm ein Bart, der mit seinem Haupthaar von mächtigen Winden aus seinem Gesicht geweht eng an seiner Haut entlang lief und in den Wolken aufzugehen schien, während dazwischen die hohe Stirn, eine kantige Nase und tief eingefallene Schatten an Stelle seiner Augen zu sehen waren. Streng, zielgerichtet schritt der Riese voran, doch in letzter Zeit wandte er seinen Kopf hierbei zunehmend nach links, bis die finsteren Augenhöhlen in den Wolken Kjerand im Blick hatten. Dann ein Leuchten. Die Augen des finsteren Gesichtes wurden schlagartig erhellt, woraufhin, kurz nur, Blitze aus diesen heraus zu den Ohren hin, an dem Haar entlang zuckten, sein Gesicht in mitten des dunklen Sturmes erhellten und sich dann darin verloren. Sein Fuß fand wiederum Halt, ein Aufstampfen. Donner hallte durch die Lande, der erste an diesem Tag, als der Kopf des Riesen sich langsam wieder zurück wandte. Ein weiteres mal sollte er seinen Blick über die Jagdgründe schweifen lassen, bevor dieser erneut auf ihr Banner fiel.


Lange leerte Shenga vergeblich ihre Lungen über dem bisschen Glut, bis die trockenen Gräser endlich entflammten und sich ein kleines Feuer langsam an dem, was an der Feuerstelle verblieben war, empor fraß. Leise, kaum hörbar, wenn der Wind in einer neuen Welle gegen die Felssäulen brach. Dann schloss sie kurz ihre Augen, um den Duft ihres Erfolges einzuatmen, bevor sie ans Feuer heranrückte und zu einer der Taschen griff.

Die Wölfe waren inzwischen zur Ruhe gekommen, schnappten nur noch einmal kurz auf, als Shenga ihnen eine knappe Zwischenmahlzeit zuwarf, und legten ihre Köpfe dann wieder über ihre Pfoten. Dann reichte sie auch Kjerand ein handgroßes Fleischstück, nahm sich ein weiteres und blickte zu den großen Tieren, bis sie sich lächelnd an etwas zurückerinnerte: „Dort wo du hingehst schmücken die Köpfe solcher Wölfe die Wände ihrer Halle.“

Ein wenig besorgt dachte sie an seine letzten Worte nach dem Abschied zurück, bevor ihre Reise begonnen hatte, und wusste nicht Recht, wie sie Kjerand noch Mut zusprechen könnte. Auch hatte sie selbst Schwierigkeiten damit ihre Besorgnis zu verbergen, und so blickte sie noch einmal zum Sturmriesen auf. Die Zeit des Abschieds war nahe, so viel war sicher, da kam ihr wieder in den Sinn, was sie bislang vergessen hatte: „Du sollst Elayla von ihrer Schwester grüßen.“. Doch noch immer sorgte sie sich mehr darum, dass Kjerand vielleicht innerlich verzweifelte. Vielleicht. Vielleicht wusste er aber inzwischen auch schon um seinen Pfad. Und so siegte ein weiteres mal die Neugierde: „Glaubst du, du weißt inzwischen, was der Allsehende dir mit dem Stern mitteilen wollte?“

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:49
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Das Grollen und Drohen eines solch gewaltigen Sturmriesen ließ keinen Sterblichen unberührt und so fuhr auch Kjerand bei dem ersten Himmelsgewittern des Tages kurz zusammen. Wenn sich die Riesen zum Krieg versammelten war es nur wahrscheinlich, dass auch für die kommende Zeit seiner Reise der Himmel oft in ihre schwarzen und grauen Gewänder gehüllt sein würde und ihr Toben und Schnauben donnernd über die Lande ziehen sollte. Es würde seinen Weg nicht einfacher gestalten, wenn er unter den Stiefeln der Riesen daher ziehen würde.

Kjerand trat näher an das junge Feuer heran, nahm Platz und fuhr mit einer Hand über den Boden. Hart. Seine Finger lasen einen kleinen, spitzen Stein auf, mit dem er wie in Gedanken versunken auf der felsigen Oberfläche kratzte.
Der Widerschein der kleinen Flammen tanzte im Dunkel seines Rabenauges, während seine menschlichen Augen nachdenklich ins Leere starrten, bis Shenga ihm das Fleisch reichte. „So hat jeder Stamm seine Kultur. Ihr zähmt die Wölfe und zieht auf ihnen durch die Landschaft, die Menschen von Sigruns Hall töten die Wölfe und lassen sich mit ihren Köpfen an den Wänden nieder.“ Nur die Götter mochten wissen, welche Art zu leben die meisten Generationen nähren würde.
Der Hexer hatte einen guten Bissen des Fleisches zu sich genommen, als seine Begleiterin ihn daran erinnerte Grüße an Elayla zu entrichten. Er nickte erst nur, kaute und schluckte dann zügig ehe er antwortete. „Wenn du sie bei den weißen Höhlen triffst, richte ihr aus, dass ich es nicht vergessen werde.“ Seine Stimme klang zwar bestimmt, doch im Grunde wirkte Kjerand noch immer ein wenig abwesend. Erst als Shenga ihn auf den Stern ansprach schien es, dass er wahrhaft aufmerkte.

„Ich werde es herausfinden“, sprach er entschlossen und sah dabei hinauf in den wolkenumkämpften Himmel. Es war für Kjerand nun genug Zeit vergangen, um die Erscheinung der Traumtochter vom Morgen mit besonnenerem Blick betrachten zu können. Während er auf dem Weg hierhin noch von innerer Unruhe getrübt wurde, sollte sich, jetzt da sie zur Rast kamen, auch sein Geist wieder auf die Botschaft aus der Anderswelt konzentrieren können.
Mittlerweile zweifelte er an der Richtung die er in seiner Vision gesehen hatte, denn niemals waren die Träume so klar und einfach zu verstehen, wie es den Jungen und Unerfahrenen vielleicht gefallen würde. Ein Stern, verborgen hinter dem Tag, unsichtbar wenn das Phönixauge strahlt, würde Kjerand nur nachts bei klarem Himmel nach ihm spähen können, um wirklich zu erfahren wohin er nach seinen Antworten zu suchen hatte. „Ich werde es ganz gewiss herausfinden.“ Sein Blick ging zu Shengas Gesicht und er lächelte, bevor er hinab auf den Boden sah, wo er mit dem Stein – sehr grob und vermutlich nur für ihn tatsächlich zu erkennen – die Rune vom Morgen nachgezeichnet hatte. Suaioue.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:49
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Schwerlich nur konnte Shenga sich ausmalen, wie ihre Jäger in den weiten Landen ohne Reittier schnell genug Beute finden, umkreisen, erlegen und das Großwild schließlich auch noch rechtzeitig ins Lager über den Felsen bringen sollten, bevor die ihren hungern mussten. Vielleicht konnten das andere Bergstämme mit mehr Jägern vollbringen, möglicherweise nur Jäger, deren Familien ihnen zur Beute folgen mussten. Aufgaben, die gewiss auch ihre Ahnen einst bewältigt hatten. Doch in den Wäldern war das Leben vermutlich anders, so konnte ihnen ein wildes Wolfsrudel sicherlich die Beute streitig machen, mit ihnen um die Jagdgründe kämpfen oder gar anfangen die Menschen selbst als Beute zu betrachten. Zumindest wären das für sie verständliche Gründe, um deren Häupter nach gewonnener Schlacht so stolz zu präsentieren. Doch hatte sie nun andere Sorgen.

War ihr auch das Scharren aufgefallen, hatte sie doch die Rune übersehen. Einzig, dass er aufgewühlt war, seit der Geist ihn aufgesucht hatte, war ihr nicht entgangen. Doch er klang zuversichtlich, als er von seiner Aufgabe sprach, und so war sie es auch. „Hab Vertrauen,“, entgegnete sie ihm, „die Raben sind mit dir.“, und so nickte sie in Richtung des sich dürr räkelnden Baumes, auf dem sich für diesen Augenblick zumindest einige der schwarzen Schatten niedergelassen hatten. Kinder des Traumwebers, wenn sie bei ihm waren, konnte er auf seinem Pfad nicht alleine sein.

Die Rast währte nicht lange, und kaum war das Mahl hinuntergeschlungen, erhob sich Shenga auch schon, um nach dem Umland zu spähen und die Beutel und Taschen zu verteilen, von denen die meisten Kjerand fortan schleppen musste. Dann war es soweit, die Zeit des Abschieds war gekommen. So stand Shenga vor dem bepackten Seher und legte ihre rechte Hand über seine Schulter. Lächelnd, zuversichtlich blickte sie in seine menschlichen Augen. „Wir erwarten dich.“, ein Hauch des Misstrauens zeichnete ihr Gesicht, bevor sie fortfuhr, „In einem Stück, also streite nicht mit dem alten Herrn dort droben.“. Eine letzte Umarmung sollte folgen, bevor sie sich auf Kjerands Reittier erhob und das zweite herbeipfiff, worauf es hechelnd folgte. Ein letztes mal sollte sie noch vom Wolf zurückblicken, ein Augenpaar zwischen Kapuze und Mundtuch, bevor ihre Umrisse in dem vom Wind aufgewirbelten Schnee undeutlich wurden.

~


Immer wieder donnerte es nun auf. Lauter und jedes mal länger als zuvor erbebte der Himmel, blitzte in reißenden Lichtern und offenbarte von der fernen Landschaft, was die Dunkelheit zuvor zunehmend verschlungen hatte. Doch war, wo die dichte Wolkendecke ihr Ende nahm, nun auch klarer Himmel zu erkennen, und so rannte die Sonne, die mit ihrem baldigen Untergang den Lichtschleier von den Sternen nehmen sollte, gegen den Sturmriesen, der in Bälde Kjerands Weg kreuzen und mit seinem Mantel den Blick auf jene Sterne vor ihm wieder verbergen würde. Doch der Schleier fiel rechtzeitig tief genug herab und zeigte, als Kjerand den nächsten Hügel erklomm, auch den blauen Stern.

Wie das Meer taten sich darunter dunkle, schneebedeckte Nadelwälder auf, die dem Wellenlauf der Lande folgten, doch von herausragenden Berggipfeln und gewaltigem Fels aufgerissen wurden. Die Baumwipfel neigten sich der Reihe nach mit den Winden und trieben weiße Nebelschwaden voran, die die Wälder durchzogen und im Schatten der Gipfel und Hügel vor allem vom kalten Licht des Mondes erhellt wurden. Doch gerade am Horizont, an dem das Phoenixauge der Nacht weichen sollte, standen die Nebel in ihren dunklen Gelbtönen geradezu in Flammen und so schienen die grünen Fluten von dort her unter glühenden Feuern zu vergehen.

Doch war der Weg noch weit, immer stärker wurden die Schneewehen in der weißen Landschaft und das letzte Stück Weg war felsig und von Klüften und Spalten geprägt. Dort sollte der Hexer schließlich einen Unterschlupf finden, als ihn am Abend der Sturm erreichte. Unter einem Fels, der glatt wie ein Flussstein quer über zwei anderen lag, ließ sich eine weitere alte Feuerstelle ausmachen, die sich vor allem durch den schwarzen Ruß am Stein verriet. Hier würde ein Feuer ihn die Nacht über wärmen.

Selten nur waren aus dem lärmenden Himmel nun auch Schreie herauszuhören, noch seltener konnte ein Blick auf die Sturmdrachen darin erhascht werden, wenn sie irgendwo durch die Wolkendecke brachen, sich am Rande windeten und schließlich erneut hineintauchten. Sie waren keine Gefahr, solange man keine Flügel besaß oder die Berge bis zu den Wolken erklommen hatte, denn sie würden ihr gesamtes Leben im Himmel verbringen und, so hieß es, auch im Tod von ihren Artgenossen gefressen werden, lange bevor sie die Erde berührten.

Hinter der zweiten Öffnung des Lagerplatzes, hinter dem Fels verborgen und tiefer liegend, als das Land um sie herum, konnte man in den Schneewehen die Schatten einer alten Stadt erkennen. Zum Teil verschüttet ragten noch einige Türme aus der Schneedecke heraus. Zweifellos musste dies eine der untergegangenen Albenstädte sein, die in dem mit der Nacht aufkommenden Sturm zu verschwinden schien.

Doch aus der anderen Richtung machte bereits ein Schemen auf sich aufmerksam. Ein weiterer Wanderer in dem Sturm, den nur das dritte Auge sah. Ein stämmiger Kerl mit langem, dunklen Haar und von erfrorener Blässe, der sich in dunkelbraunem Mantel vorankämpfte, doch schien er insgesamt nicht für solch einen Sturm gekleidet zu sein. Das Geweih eines jungen Hirsches zierte sein Haupthaar und in der rechten Hand schleifte er die Spitze eines kurzen Speeres über den Boden. Als er sich näherte, konnte der Hexer aus dem Wind heraus auch das Rufen des Geistes ausmachen. Erst undeutlich, doch mit jedem Schritt, den er sich näherte, wurde es lauter, bis die Worte mit einem mal in aller Deutlichkeit in Kjerands Ohren bebten, „Wo ist mein Grab? … ist mein Grab? .. ist mein Grab?“, in zahllosen Echos verhallten sie. Dann sprach er wieder, noch hoffnungsloser war nun auch sein Gesicht von Verzweiflung entstellt, als er sich Schritt für Schritt in Richtung der Ruine kämpfte. „Wo ist mein Leib? … ist mein Leib? … ist mein Leib?“. Er sah den Seher nicht, würde ihn nicht hören noch spüren, selbst wenn er durch ihn hindurchschreiten müsste, und sollte bald schon den steilen Abstieg zu der toten Stadt wagen.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:49
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Der Pfad des blauen Sterns war beschwerlich und führte den jungen Rabenseher ins Ungewisse. ‚Was wird mich unter deinem Licht erwarten?‘ Durch einen Wald hoher, mächtiger Baumstämme, deren Kronen sich in einem weißen Himmel verloren, dann durch karge Felslandschaften, die unter dem Vorhang die unter dem Mantel des Winters lagen. Aber Kjerand hatte den letzten Trost seiner treuen Begleiterin nicht vergessen. Auch wenn sich ihre Wege seit Harggrs Rast getrennt hatte und er nun allein unterwegs war, wusste er um die Kinder des Traumwebers, die seine Seite nicht verlassen würden.
Aber ohne ein Reittier war die Reise zweifach mühevoll geworden und alle einhundert Schritte durch den unwegsamen Garten des Winters ließen den Hexer das zusätzliche Gewicht immer deutlicher spüren. Trotz der dicken Felle umklammerten die Schneewehen seinen Körper mit eisigen Winden und erbarmungslosem Weiß.

Dankbar ließ er seine erschöpften Knochen ruhen, als er die zweite Rast auf seinem Weg erreichte. Früh kümmerte sich Kjerand um die alte Feuerstelle, denn sein Körper würde viel Ruhe brauchen, um für den nächsten Tag wieder erholt zu sein. Der Weg sollte nicht einfacher werden und so konnte es sich der Rabenhexer nicht gestatten nachlässig mit seinen Kräften umzugehen.
Niemals durfte man den Winter unterschätzen.
Die jähe Stimme des zweiten Wanderers hatte ihn erschrocken, doch sobald sich das Bild des Fremden aus den Schemen im weißen Wind hervorgetan hatte nahm das Gesicht des Hexers einen Ausdruck voller Mitleid an. ‚Welch‘ ein trauriges Mahnmal.‘ Als der Geist nah genug war, wagte er einen Schritt an ihn heran und langte mit seiner Hand nach seiner Schulter. Nichts. Er hatte es gewusst, es gab keine Möglichkeit wie er ihn hätte berühren können. Der Verlorene bemerkte ihn nicht einmal, nahm ihn nicht wahr. Und es gab nichts, dass er für ihn tun konnte. „Finde deinen letzten Weg, mein Freund.“ Niemals durfte man den Winter unterschätzen.

Bearbeitet am 30.09.2015, 21:50
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Eru

Ein letzter Schatten kam an diesem Abend aus fernen Gefilden. Vor den Lichtern am Himmel tauchte er schließlich auf, stieß von zwei schwarzen Schwingen getragen aus der dunklen Wolkendecke heraus und widersetzte sich dabei selbst den mächtigen Winden, die auch in der Anderswelt wüteten. Ein Geist, dessen Antlitz auch dem Seher inzwischen wohl vertraut war, obgleich solche Geister seit jeher nur selten viel von sich sehen ließen, wenn sie nächtens aus den Schatten hervor kamen, um die bereits Schlafenden aufzusuchen, ihnen die heiligen Worte einer fernen Wahrheit ins Ohr zu wispern und ihre Seelen in die Welt der Träume zu entführen, die den Sterblichen so rätselhaft ist. Noch weniger war zu sehen, wenn man schließlich selbst der Grund ihres Erscheinens war. Benommenheit, Müdigkeit, den Schlaf trugen sie mit sich, wohin sie auch gingen, und den Schlafenden galt all ihre Aufmerksamkeit. So konnten die Seher nur selten einen Blick auf die von dunklem, gefiederten Haar verborgenen Gesichter der Engel erhaschen.

Ein Traumbringer, einzig einen dunklen Rock tragend, landete mit seinen schwarz gefiederten Schwingen vor der Ruhestätte des Sehers, beugte sich ob deren Schwere gleich hinab und offenbarte zwischen fallenden Haarsträhnen und einem langen Kinnbart ein längliches Gesicht, das nicht allein von den Metamorphosen aus seinen Lebzeiten gezeichnet war. Zwischen den Luftöffnungen, seiner Nase und dem von schwarz erfüllten Auge auf seiner Stirn waren die beiden menschlichen für immer verschlossen worden. Über einem jeden war eine Naht zu sehen, die noch aus Lebzeiten hätte stammen können. Und doch schien sein Gesicht, je näher es kam, je mehr es sich offenbarte, umso glücklicher zu wirken. Ein sanftes Lächeln, Zufriedenheit strahlte aus dem dämmrigen Antlitz, das sich immer mehr in der dämmernden Müdigkeit verbarg. Dann öffnete er die vertrockneten Lippen, schwer, dumpf wirkte es mehr wie ein Hauch denn ein Klang, als er zu sprechen begann. Es waren schnell geflüsterte Worte, die in kurzen Pausen verhallten, bevor er zu weiteren griff. Manchmal schien eines von ihnen auch eine weitere Wortfolge zu überdauern, schwebte über den anderen und sollte erst viel später weichen, wenn es auch wirklich angehört worden war. Dann kam es, ein einzelnes Wort, lang und edel, das statt einer Folge ganz für sich alleine stand: „Sua Io Ue“. Es war das letzte, was der Seher hörte, bevor der Schlaf ihn ereilte.

Ein weißes Federkleid lag über ihren Schultern und zitterte unter dem Wind, der ihr entgegenkam. Gleich ihm wurde auch ihr bleiches Haar aus dem Gesicht geweht. Trotz der Anspannungen unter dem kalten Wind zierten es Wagemut und Trotz, wie es die roten Markierungen und Metamorphosen des Allvaters darin kaum vermocht hätten. Ihr Ziel vor Augen konnten ihr auch die Wellen nicht nehmen, wenn sie das lange Rabenboot erschütterten, an dessen Bug sie stand und dessen Rabenkopf sie mit der rechten Hand fest umklammerte. Sie flüsterte einige Worte, albisch, ein kurzes Gebet an den Allvater. Über ihr, am Himmel, zeigte sich nun der blaue Stern. Ein Lächeln, Zuversicht. Von ihrem Gurt löste sie ein Horn und blies mit aller Kraft hinein. Ein Laut, der gar den Sturm übertönte. Weitere Schiffe, eine ganze Flotte von Rabenbooten führte sie an. Dann kamen sie, weiße Raben, und bedeckten den Himmel.

~


Ein neuer Morgen brach an und zeigte nichts von all dem, was den Vorabend noch geprägt hatte. Die Geister und der Sturm waren bereits weitergezogen, und selbst die Stadt tief unter dem Schnee verschüttet. Einzig eine warme Sonne brachte der neue Tag mit sich.

Die zerklüftete Ebene konnte mit scharfem Blick nach einem geeigneten Weg noch in den frühen Morgenstunden schnell bewältigt werden, doch dann folgte der Wald. Hier war weniger vom Wind der weißen Felder zu spüren, sodass den Hexer nun eine eigenartige Ruhe umgab, die hin und wieder von fremdartigen Lauten gefüllt wurde. Ein langes, tiefes Raunen, helles zwitschern und nicht zuletzt das Flüstern der Geister in den Wäldern. Es war, als würden Augen im unter der Schneelast tief fallenden Geäst der Nadelbäume Kjerands Schritte verfolgen, Ohren in der Stille seinen Gedanken lauschen, Raubtiere seine Präsenz wittern. Immer wieder begangen einige seiner Runen zu zittern und verrieten, dass Waldgeister an ihm vorbeigezogen waren oder Nebelhirten seinen Weg kreuzten. Es war, als wären hier in den Wäldern nun andere Götter am Werk. Die Nebel wanderten und erstrahlten am Morgen noch in warmen Gelbtönen, verloren schließlich jedoch alle Wärme und verblichen langsam. So manches mal stieß Kjerand auf seinem Weg auch auf Fährten, jene kleiner Füchse und Hasen, aber auch solche großer Ochsen und Bären. Schräg fielen Lichtsäulen auf die Erde herab und kündeten mit dem ersten Rufen der Waldkäuze schon vom Abend, als er sein Ziel erreichte.

Dort stand im Lichtschein die aus dunklem Holz errichtete große Halle unter den hohen Nadelbäumen, und dickes Geäst eines viel älteren Baumes ragte hinten aus dem Dach heraus. Lang wie eines der Boote aus dem Traum neigte sich die aus dichtem Stroh bestehende Decke an beiden Enden bis zum Boden und stütze sich nach vorne hin auf zahlreiche hölzerne Säulen, die gut zwei Schritt vor der eigentlichen Hallenwand standen. Zwischen diesen war aus dünneren Hölzern ein Zaun eingewoben worden, hinter dem einige borstige Schweine auszumachen waren. Warmes Licht verließ die hohen, schmalen Fenster, die, von der Innenseite mit Tüchern behangen, nichts von dem Inneren des Gebäudes offenbarten und in der Mitte der Halle, wo der Viehzaun die Säulen verließ und mit der Wand aufschloss, verschlossen, von zwei Männern bewacht, die mit Wurzelwerk gleichenden Schnitzereien reich verzierten Flügel eines mächtigen Tores Sigruns Hall. Und überall auf ihr, auf dem Boden, dem Zaun und dem Geäst um die Halle herum saßen die Raben, krähten einander an, lasen Futter vom Boden auf, sprangen umher oder saßen nur da und blickten in die Wälder, so zahlreich, wie man sie nur selten sah.

Doch noch vor der Halle, wo der Schnee unter all den Schritten der Erde gewichen war, ruhte an einer erlischenden Feuerstelle der Faun, verbrannte Kiefernnadeln und spielte auf einer Flöte ein langsames, beruhigendes Lied, das manchmal gar aufzuhören schien, bevor es sich mit neuen Melodien wieder fand und voranschritt. Gesicht und Körper, welcher abgesehen von einer um die Schultern gelegten Felldecke eher geschmückt als gekleidet schien, waren von zahllosen ineinander verschnörkelten Mustern geziert, die Widderhörner an seinem Haupt mit Federn behangen und über dem Kinn entsprang dem ungemein flach erscheinenden Gesicht mit seiner hohen Stirn ein Bart. Doch er saß nicht alleine an seinem Feuer, wie die Wachen am Tor vielleicht annehmen würden. Nein, Geister, auf die Kjerand im Wald kaum einen Blick erhaschen konnte, saßen hier bei ihm und lauschten dem Lied, und konnte der Faun sie auch nicht sehen, schien er sich ihrer bewusst zu sein. Auch die Traumtochter aus dem Lager des roten Stammes stand dort, abseits, wo sich über ihr der Wald zum Himmel öffnete. Und war der Stern noch nicht zu sehen, so wusste Kjerand mit Sicherheit, dass er dort über ihr liegen musste und es von Sigruns Hall dorthin nicht mehr weit war.

Am Feuer saß mit dem Faun ein alter Mann mit weißem Bart und langem Haar, schimmernd und bleich, die nebligen Augen in ewige Ferne gerichtet mit einem Wurzelstab und war von eigentümlicher Schönheit. Auch war dort eine Frau, zierlich und das Haar aus dunklen Kiefernnadeln, doch das Gesicht von Kjerand fort gewandt. Der dritte Geist saß dem Faun gegenüber und überragte alle übrigen mit einem dunkelgrauen Geweih, das von totem Gewebe schwer behangen war. Die Gesichter toter Tiere waren ihm als Kleidung über die eigene Haut genäht und starrten gleich den finsteren Augen des Hirschkopfes darüber kalt und leer und in seinen Armen wiegte er ein Kind, das bis aufs Gesicht von Erde bedeckt darin schlief. Er war auch der einzige, der nach Verschwinden der anderen Geister am Ende der Melodie, sowie nach Erheben des Fauns sitzen blieb und Kjerand noch mit seinem Blick verfolgen sollte.

Tief sog der Faun am Ende seines Stückes den Duft verbrannter Nadeln ein, bevor er den Kopf hob, seine länglichen, schwarzen Augen aufschlug und Kjerand erblickte. Sein Gesicht strahlte Zufriedenheit, gar innere Ruhe aus. So sollte er den Neuankömmling noch eine Weile anblicken, bevor er sich von seinem Platz erhob, auf seinen gewunden Stab stützte, und den Gast, einen lahmen Huf hinter sich her ziehend, zur Halle führte.

~

Wortlos wies der Faun Kjerand, geradeaus zu gehen, bevor er selbst ihm von der Seite wich.

Das Innere der Halle war reich an Schnitzereien, Wärme und an Düften gebrannter Nüsse und Pilze. Sie war von mehreren Feuern hell erleuchtet, von mächtigen Säulen getragen und mancherorts von dickem Wurzelwerk des alten Stammes durchzogen, welches die Haupthalle von kleineren Räumlichkeiten abschirmte. So standen und saßen zu beiden Seiten Menschen, die einen leichten Gelbton in ihrer Haut hatten, sodass deren Gesichter einen Hauch wärmer erschienen, als die der Menschen vom roten Stamm. Die meisten waren verstummt, einige hatten sich erhoben, um den eingetroffenen Hexer besser sehen zu können. Überall hingen Kräuter von den Balken herab, überall sah man noch Beutetiere oder Jagdtrophäen an den Wänden; Große Bären und Wölfe, aber auch zahllose Kleintiere wie Füchse und Hasen, auf die der rote Stamm keine Jagd machte. Gleich den Torwachen trugen auch eine Reihe von Männern und Frauen in der Halle die Geweihe junger Hirsche auf ihren Häuptern. Einige von ihnen führten Speere, andere waren an Bögen zugange. So waren sie vermutlich die Jäger des Stammes, der nicht ganz so zahlreich war, wie jener von den weißen Feldern.



//////////////Anm.: Das Ende wurd' dann irgendwie umgeschrieben, sodass Sigrun noch nicht anzutreffen war.

Zur ihrer rechten standen die Ältesten, deren bleiche Gesichter von vielen langen Wintern berichteten, an ihrer Seite einige Jäger, doch sie saß in ihrem Gewand auf dem Thron, der ins Herz des toten Baumstammes geschnitzt worden war. Über ihrem Haar lag eine Krone aus den Federn großer Adler und ihr Gesicht war unter einem dunkelbraunen Schleier verborgen. Alle Blicke ruhten auf dem Reisenden und ihrer Herrin, die sich ihm nun vorstellen sollte: „Ich bin Sigrun, Tochter des ehrwürdigen Druiden Nimlehaw, und dies sind meine Hallen.“, Stille. Die Worte klangen anders, die Sprache gewandelt. Sanfter, als Kjerand es vom roten Stamm gewohnt war, als wollten die Menschen hier es den Alben gleich machen. „Die Raben haben eure Ankunft angekündigt, noch nie haben sich so viele von ihnen hier versammelt. So sprecht, was führt euch zu uns, Seher?“

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