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 .: Am Mammutgrab [Rollenspiel] · Lande · Völker · Mystik · Geister · Hexerei ·
Bearbeitet am 21.08.2015, 09:22
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« "Erwachen des dritten Auges"
oder
"Die Furcht vor dem eigenen Ich" »



Es gab kein Entrinnen, denn wie sollte sie auch vor ihrer eigenen Bestimmung davonlaufen?
Staub und Dreckklumpen wirbelten unter ihren Hufen auf, als Izar über die Steppe galoppierte. Die Landschaft um sie herum verwischte vor ihren Augen, verwandelte sich in einen braungelben Farbfleck unterhalb und einen sattblauen oberhalb.
Ihre wilden, gelockten Haare und ihr Schweif wallten wie rabenschwarze Schleier hinter ihr her. In den letzten Strahlen der Abendsonne glühte ihr Fell auf wie eine rotgoldene Flamme und die Haut ihres Oberkörpers schimmerte bronzefarben.
Doch nicht nur ihr Äusseres schien zu brennen, auch in ihrem Innern verspürte die Centaurin eine ungewohnte Hitze. Sie war ihr nicht unangenehm, im Gegenteil, sie fühlte sich dadurch angetrieben, gestärkt. Sie wühlte ihren Körper auf, brachte ihr Blut in Wallung.
Mit all ihren Sinnen wollte sie die Freiheit in sich aufnehmen, welche sie umgab.
Sie atmete tief ein, nahm den abendlichen Geruch wahr, welcher ihr Geschichten über den vergangenen Tag zu erzählen schien. Sie konnte die Herde Bisons riechen, welche vor einigen Stunden hier vorbeigezogen waren. Sie schmeckte die Feuchtigkeit der Luft auf der Zunge, als würde sie direkt am Flusslauf stehen, der sich doch noch in einiger Entfernung befinden musste.
Geräusche bündelten sich in ihren Ohren, so konnte sie das Kreischen eines Raubvogels ausmachen und in der Ferne vernahm sie das autoritätsheischende Brüllen eines Höhlenlöwen.
Izar breitete ihre Arme aus, während sie weiterpreschte, sie hatte das Gefühl, die ganze Welt umarmen zu können.
Die junge Centaurin schloss die Augen und einen wunderschönen Moment lang hatte sie den Eindruck abzuheben und wie ein Rabenvogel auf Flügeln durch den Himmel getragen zu werden.

Doch dann - heftiger, allumfassender Schmerz.
Izar schrie gepeinigt auf. Es war, als würde das Urfeuer selbst in ihr wüten. Was sie zuvor noch als eine berauschende Energie empfunden hatte, wollte sie nun innerlich verzehren.
Die Centaurin strauchelte und ihre Augen weiteten sich, als die ganze Qual sich jäh in einem einzigen Punkt ihres Körpers bündelte. Ihr Kopf schien zu bersten und ihr Blick trübte sich. „Ich brenne“, kam ihr ein einziger klarer Gedanke.
Ihre Instinkte übernahmen die Führung, liessen keinen vernünftigen Schluss mehr zu. Die Beine gehorchten ihr nicht mehr, trugen sie immer weiter auf ihrer Flucht.
Über ihr krächzte ein Rabe, verfolgte aus glasklarem Blick ihren gestreckten Galopp, doch sie liess ihn hinter sich zurück, wie sie auch alles andere hinter sich zu lassen schien.

Sie bemerkte nicht, wie sie plötzlich weicheren Boden unter ihren Hufen hatte, wie die Luft an Feuchtigkeit zunahm und kühler wurde. Untrüglich hatte sie ihr Überlebenstrieb an den einzigen Fluss in ihrer Nähe gebracht, welcher seine Quelle in den Mondbergen hatte und vom kühlen Schmelzwasser gespeist wurde. Wie eine Verdurstende kämpfte sie sich zu dem Wasser vor. Ihr Blick klarte sich auf, doch weder sah sie die Tiere, welche beim Trinken innegehalten hatten, um die stürmische Besucherin misstrauisch zu beäugen, noch bemerkte sie das unscheinbare Wesen, welches auf den Stromschnellen dahinzutreiben und herumzuwirbeln schien.
Immer noch tobten die Flammen durch ihren Körper.
„Wasser“, keuchte sie und ihre Worte klangen wie ein Krächzen, als ob sie schon tagelang keinen Tropfen Flüssigkeit mehr zu sich genommen hätte.
Endlich durchbrachen ihre Hufe das kühle Nass. Völlig entkräftet zwang sie sich weiter. Ihre Beine wurden sachte umspült und ab der sanften Berührung seufzte sie erleichtert auf.
Doch noch immer schmerzte ihr ganzer Leib und ihr Kopf schien von tausend Bienen attackiert zu werden. Immer weiter wagte sich die Centaurin vor, bis zuerst ihr Bauch, ihre Flanken und schliesslich ihr ganzer Pferderücken Linderung erfahren konnten. Ihre Handflächen lagen auf der Wasseroberfläche und sie spürte, wie das Leben unter ihren Fingern pulsierte.
Ein schwarzer Schatten flog über ihren Kopf hinweg und stiess ein warnendes Krähen aus. Doch Izar hatte die Welt um sich herum vergessen. Sie war wie in einem Albtraum gefangen, aus dem sie sich befreien wollte. So bemerkte sie nicht die unmittelbare Gefahr, in welche sie sich begab.
Ihr Körper befand sich nun bis zum Hals unter Wasser. Wieder stöhnte die Centaurin voller Schmerz auf, denn die ganze Hitze schien sich nun in ihrem Kopf angesammelt zu haben, dem einzigen Teil ihres Leibes, der sich noch nicht den Liebkosungen des Flusses hingegeben hatte.

Die junge Frau blickte sich um, schien mit fiebernden Augen etwas zu suchen und keuchte entsetzt auf. Nur etwa einen Meter von ihr entfernt starrte sie ein Wesen an, wie sie es noch nie in ihrem kurzen Leben gesehen hatte. Eisklare, blaue Augen beobachteten sie, schienen fast nachdenklich auf sie herabzublicken. Wie Eiszapfen durchbohrte sie der Blick des Geistes und es war ihr, als würde er bis tief in ihr Innerstes hineinblicken und die Qualen, welche sie litt, erkennen.
Izar versuchte, seine genaue Gestalt auszumachen, doch wie auch das Wasser des Flusses schien er immer in Bewegung zu sein, nie stillzustehen. Mal verschmolz er mit einer Welle, um dann wie kristallene Tropfen auseinanderzusprengen und sich eine Sekunde später wieder zusammenzufügen. Es schien ihr fast, als wäre er eins mit dem Wasser. Sein Körper hob sich auch farblich kaum davon ab, er schien jedoch von Innen heraus grünlichblau zu leuchten, so als würde die Sonne durch ihn durch schimmern.
Die Centaurin zuckte zusammen, als eine neue Flut von Schmerz sie überrollte. Trotz der Blitze, welche durch ihren Kopf zuckten und ihren Blick mit einem Schleier überzogen, bemerkte sie, wie der Flussgeist plötzlich die Hand nach ihr ausstreckte, oder war es nur das Aufspritzen des Wassers?
Das Mädchen wollte ausweichen, doch im selben Moment erfasste sie ein Strudel. Ihre Beine konnten sich nicht weiter gegen die Kraft des Wassers stemmen, und sie spürte, wie der Fluss sie mit rauer Gewalt erfasste. Das letzte was sie sah, waren die Augen des Geisterwesens, welches ihr aufmunternd zuzunicken schien. Dann wurde sie umgerissen, das kalte Wasser schwemmte über ihren Kopf hinweg.
Im selben Moment, wie sich der brennende Schmerz in ihrem Innern auflöste, erwachte ihr Bewusstsein aus seiner Ohnmacht. Mit aller Kraft, welche ihrem Körper noch geblieben war, kämpfte sie gegen die Wassermassen, welche sie mit sich ziehen wollten. Die entkräftete Centaurin schaffte es, sich vom Boden abzustossen, durch die Oberfläche zu brechen und verzweifelt nach Luft zu schnappen, bevor sie die Stromschnellen wieder mitrissen. Immer wieder schienen ihr die Sinne zu schwinden. Doch jedes Mal meinte sie paar klare Augen zu sehen, welche sie zum weiterkämpfen motivierten.

Izar wusste nicht, wie weit der Fluss sie mit sich getragen hatte oder wie viel Zeit vergangen war, bis sie wieder festen Boden unter ihren Hufen verspürte. Sie hatte sich mehr tot als lebendig ans Ufer gekämpft, war immer wieder gestrauchelt und schliesslich kraftlos zusammengebrochen.
Die Nacht hatte ihren dunklen Umhang ausgebreitet, und nur der Mond und die Sterne erhellten die Steppe und den zerbrechlichen Körper der Centaurin, welcher von Schrammen übersät war.
Ihr Atem ging flach und ihr nasser Körper zitterte an der frischen Luft, doch trotzdem verfiel sie in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.

Erst als die Sonne bereits hoch am Himmelszelt stand, erwachte Izar aus ihrer erholsamen Ruhe. Sie fühlte sich schwach, doch ausgeruht. Ihr Fell war an der aufgewärmten Luft vollends getrocknet und der Steppenwind streichelte beruhigend über ihre bebenden Flanken.
Vorsichtig stützte sie die Hände ab, grub ihre wunden Finger in die Erde und genoss es, die tröstliche Ruhe und Kraft des Bodens in sich aufzunehmen.
Als ihr Blick zum Wasser glitt, zuckte sie unter der Last der Erinnerungen zusammen. Aufmerksam suchte sie den Fluss ab, doch fand sie das Geisterwesen nicht. Sie zweifelte bereits an ihrem Verstand und ihrer Wahrnehmung, die durch die unvorstellbaren Schmerzen getrübt gewesen waren.
Trotzdem… die klaren Augen konnte sie immer noch deutlich vor sich sehen.
Sie schüttelte den Gedanken ab und kämpfte sich vorsichtig auf die noch wackeligen Beine. In ihrem Kopf schien sich alles zu drehen und sie brauchte einen Moment, um sich zu fangen.

Izar fühlte sich anders. Ängstlich und doch neugierig lauschte sie in sich hinein. Der Schmerz hatte eine seltsame Leere in ihr hinterlassen und sie hatte das unbewusste Gefühl, diese wieder auffüllen zu müssen.
Plötzlich drängten sich die Bedürfnisse ihres geschundenen Körpers in ihr auf, und sie bemerkte das Kratzen in ihrer durstigen Kehle. Sie stolperte mehr zum Wasser, als dass sie schritt, und liess sich auf die Knie niedersinken. Der Fluss wirkte trügerisch ruhig und offenbarte nicht seine reissende Kraft, welche er ihr imposant demonstriert hatte.
Izar tauchte ihre Handflächen ins kühle Nass. Es floss über ihre Finger und sie fühlte sich sofort viel lebendiger. Sie hob das Wasser an ihr Gesicht, wollte gerade die Lippen ansetzen… und mit einem Schrei, in welchem das ganze Entsetzen, die ganze Furcht der letzten Stunden zu hören waren, prallte sie wie von einer Wand zurück.
Ihr Atem ging stossweise und sie zitterte am ganzen Leib. Nahm denn dieser Albtraum niemals ein Ende.
Alles in ihr wollte sie dazu zwingen aufzuspringen und wegzurennen, weit hinfort und bloss nicht zurückzublicken.
Doch die junge Centaurin musste sich Gewissheit verschaffen.
Langsam beugte sie sich nach vorne, dem Wasser entgegen, das sanft gegen ihre Knie schwappte. Wieder dachte sie an die Liebkosungen des Flusses und an die klaren, blauen Augen.
Sie sträubte sich dagegen und trotzdem wandte sie nun ihren Blick der Wahrheit zu, welche sich unausweichlich in dem Wasser spiegelte.
Zwei dunkle Augen begegneten ihrem Blick. Angstvoll waren die Pupillen vergrössert und wirkten fast so schwarz wie das Gefieder der Rabenvögel.
Doch nicht ihr Anblick war es, der Izar vor Furcht erstarren liess. Es war das dritte Auge auf ihrer Stirn, welches mit offenem, ehrlichem Blick direkt mitten in ihre Seele zu zielen schien. Die goldbraune Farbe leuchtete lebendig und doch schien dahinter eine Weisheit verborgen zu sein, welche ein Lebewesen nicht einmal in hunderten von Jahren ansammeln könnte.
Mit einem erstickten Schrei fiel Izar in sich zusammen und empfing die erlösende Dunkelheit mit Erleichterung.

Bearbeitet am 14.10.2015, 12:17
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Izar

« Aufbruch »



Mit wachem Blick beobachtete Izar die anderen Centauren, die in einem gemütlichen Trab, der sie alle nicht zu sehr erschöpfte, vorwärtsliefen. Zwei junge Männer sprachen miteinander, der Rest der Jäger schwieg jedoch, um die Gegend aufmerksam zu beobachten, oder um sich auf den eigenen Körper und die eigenen Gedanken zu besinnen.

Auch die junge Frau, welche als einzige nicht dabei war, um an der Jagd teilzunehmen, lauschte in sich hinein. Ihr Herz pochte regelmässig und kräftig pumpte es die rote Lebensenergie durch ihren Leib. Obwohl Izar als Pilgerin im Schutz der Gruppe mitreiste, hoffte sie doch auf die Gelegenheit, die beeindruckenden Mammuts zu sehen und vielleicht sogar mithelfen zu dürfen, ein solch Ehrfurcht erregendes Geschöpf zu erlegen. Ihre Grossmutter hatte ihr zwar eingeschärft, sich niemals unnötig in Gefahr zu begeben, doch wenn sie ihre Reise später ohne ihre Sippe fortsetzte, wäre sie noch ganz anderen Wagnissen ausgesetzt. Ausserdem widerstrebte es ihr, Befehlen Folge zu leisten, auch wenn sie wusste, dass Mamanesh ihr bloss einen gutgemeinten Rat mit auf den Weg geben wollte.

Die junge Frau erinnerte sich noch klar an den Aufbruch.
Während die Centauren, welche an der grossen Jagd teilnahmen, letzte Vorbereitungen trafen, hatte auch Izar sich von ihrer Familie verabschiedet. Es fiel ihr leicht, ihrer Mutter auf Wiedersehen zu wünschen und auch mit ihren wenigen Freunden hatte sie schnell einige Glückwünsche gewechselt. Um einiges Schwerer fiel es ihr von ihrer Grossmutter Abschied zu nehmen.
Als sich die beiden Frauen, die junge, von Neugier getriebene Izar mit ihrem oft ungestümen Charakter und die ältere, besonnene Mamanesh mit ihrem weisen Blick umarmten, meinte Izar eine feuchte Träne in den Augenwinkeln der anderen wahrzunehmen. Schon war der Moment jedoch vorüber und das Gesicht der Alten hatte sich bereits wieder gestrafft. Prüfend blickte sie in das von Runzeln durchzogene Antlitz, konnte jedoch nur die Zuneigung, Sorge, aber auch Entschlossenheit darin erkennen, welche die beiden Frauen miteinander verband.
„Ich wünschte, ich wäre noch einmal so jung, um mit dir zusammen diese Reise begehen zu können“, begann Mamanesh, „doch dies würde alleine auf meinem egoistischen Denken beruhen, dich beschützen und leiten zu wollen. Du jedoch musst deinen Weg und deine Bestimmung selbst finden. Kehre erst zurück, wenn du die heilige Stätte aufgesucht hast und dich deiner sicher fühlst. Lerne die Welt kennen, sieh immer das Gute in allem Lebenden. Nimm dich jedoch vor unnötigen Gefahren in Acht und halte alle deine Augen immer offen.“
Die letzten Worte hatte sie mit einem nachsichtigen Lächeln ausgesprochen, denn sie wusste nur zu gut um die Abwehr ihrer Enkelin gegenüber ihrem dritten Auge, welches auch jetzt unter einem locker gebundenen Stirnband verborgen blieb.
Ihr Blick durchdrang die Jüngere. Dann kramten ihre Hände in der Umhängetasche, welche sie immer bei sich trug und förderten einen schwarzen Stein an einem Lederband zu Tage.
„Dies ist ein Glücksbringer. Es ist der Splitter eines Sterns, der verglüht und vom Himmel gefallen ist. Behalte ihn stets in deiner Nähe, er wird dir Kraft und Weisheit schenken.“ Dann veränderte sich der Ausdruck ihrer Augen und mit wissender Stimme fügte sie noch hinzu: „Ausserdem ist er voll von Magie. Wenn du dazu bereit bist, wird er dir von wertvollem Nutzen im Umgang mit der Rabenhexerei sein.“
Izar umschloss den Stein mit ihren Fingern. Er war noch warm von der Berührung der anderen Frau und fühlte sich angenehm rau in ihrer Handfläche an.
„Ich danke dir, Mamanesh“, antwortete Izar gerührt. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als würde eine dicke Kröte in ihrem Hals festsitzen, die sie am Reden hinderte. Wann würde sie wieder zurückkehren? Vielleicht würde es Jahre dauern. Und wer vermochte schon zu sagen, ob ihre Grossmutter, Freundin und Lehrerin dann noch unter ihnen verweilte?
„Ich werde deine Worte in meinem Herzen tragen und mich immer an sie erinnern.“
Bevor ihre Emotionen sie zu überwältigen drohten, nickte sie ihrer Grossmutter noch einmal zu, dann machte sie rechtsumkehrt und ohne sich noch einmal umzublicken schloss sie sich den Jägern an, welche bereits im Aufbruch begriffen waren.

Verfasst am 26.11.2015, 12:01
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Izar

« Der Traum »



Sie waren nun einige Tage unterwegs und man merkte den Jägern die innere Unruhe an. Sie hatten bereits Spuren von Tierherden gekreuzt, doch dabei handelte es sich vermutlich um Bisons oder andere Rindartige.
Auch Izar verspürte die Aufregung, hatte sie doch noch nie ein lebendiges Mammut gesehen. Aber dafür umso mehr Geschichten gehört von ruhmreichen Jägern ihres Stammes, aber auch von Kämpfen, wo die Krieger den stolzen Tieren unterlegen waren. Man berichtete sich, dass die Tiere gross wie Bäume waren und so kräftig wie hunderte Ochsen zusammen. Mit einem einzigen Tritt könnten sie Löwen töten oder zumindest auf schwerste Weise verletzen.
Obwohl ihre Grossmutter meinte, sie solle nicht alle Geschichten glauben, sprach sie doch auch mit viel Respekt von diesen Geschöpfen.
Mit einem wehmütigen Lächeln dachte Izar an Mamanesh, welche ihr immer gepredigt hatte, dass jedes Lebewesen ein Geschenk sei und man es mit Achtung behandeln sollte.

Der Abend begann langsam herein zu dämmern, als der Anführer den Befehl zur Rast gab. „Wir werden hier etwas länger verweilen. Die Tiere müssen ganz in der Nähe sein und wir wollen für die bevorstehende Jagd ausgeruht sein“, mit diesen Worten begann die Gruppe sich für die Nacht einzurichten.
Auch Izar beschloss, wieder einmal richtig zu schlafen und legte sich im Schutz der Gruppe nieder. Ihre Gedanken wirbelten im Kopf herum. Sie dachte an die Worte ihrer Grossmutter, an die mächtigen Mammuts, aber auch an ihre bevorstehende Reise zur heiligen Stätte, welche sie alleine zurücklegen musste.
Irgendwann verfiel sie in einen erholsamen Schlaf.

Sie fand sich auf einer Hügelkuppe wieder. In ihrem Rücken fanden sich die schneebedeckten Gipfel der Berge. Zu ihrer rechten Seite erstreckte sich ein sanfter Flusslauf, der sich in immer kleineren Verläufen verzweigte und im Nichts zu enden schien.
Links erstreckte sich eine weitere Hügelkette, wo sie in weiter Ferne dunkle Punkte ausmachen konnte, die sich langsam hinfort bewegten.
Als Izar ihren Blick jedoch auf das Geschehen vor ihr umwandte, schnappte sie erstaunt nach Luft.
Zu ihren Füssen befand sich ein Sumpfgebiet, welches wohl vom Wasser des Flussverlaufes gespeist wurde, der hier sein Ende gefunden hatte. Es herrschte völlige Stille, was die junge Centaurin verwunderte. Keine Vögel, keine anderen Tierstimmen, nicht das Rauschen des Windes oder das Plätschern des Wassers waren zu hören. Vielleicht hatten die Hügel und Felsen die Geräusche verschluckt.
Izar wandte den Blick wieder ab und wollte mit den Augen den Gestalten folgen, die bereits zuvor ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, da vernahm sie plötzlich eine Stimme.
„Da gehen sie dahin.“
Der Klang erfüllte die Centaurin mit Trauer und doch wirkte er auch seltsam beruhigend. Ihre Anspannung verflog und sie wandte ihren Blick um.
Neben ihr erhob sich der mächtigste Körper, den sie je gesehen hatte. Das zottelige Fell hing dem Geschöpf wie ein alter, verfilzter Mantel über dem Leib. Seine Beine waren dick wie junge Baumstämme, und doch machte es den Anschein, als könnten sie ganz behutsam auftreten. Ein langer Rüssel schlenkerte sanft über dem Boden hin und her und unter dem etwas spärlicheren Fell waren unzählige Runzeln zu erkennen.
Das Gewicht der zwei mächtigen Stosszähne schien das Tier nicht zu belasten, im Gegenteil es trug sie mit einer Würde und Eleganz, die seinem Alter nicht zuzutrauen gewesen wäre. Izar fiel auf, das der eine Zahn abgebrochen war – vermutlich als Folge von Machtkämpfen.
Trotz allem fesselte die Centaurin vor Allem der Blick des Mammuts. Seine Augen waren erfüllt von Weisheit und Sanftheit und Izar war überzeugt, dass dieses Wesen niemandem aus Bosheit Schaden zufügen würde.
„Ich habe noch nie einen wie dich gesehen“, erklärte Izar und kam sich gleichzeitig naiv vor, da sie mit einem Mammut sprach, das vermutlich nur in ihrem Traum existierte, denn so viel war ihr inzwischen bewusst geworden, dies konnte nicht die Wirklichkeit sein, in welcher sie lebte.
„Du wirst noch viele meiner Art sehen. Deine Reise wird dich weit herumführen und unterschiedlichsten Lebewesen wirst du begegnen. Du sorgst Dich, alleine zu verbleiben. Doch ich sage Dir: Du wirst niemals einsam sein.“
Izar fühlte sich an ihre Grossmutter erinnert, welche auch oft auf diese Weise zu sprechen vermochte.

Die Centaurin wollte darauf antworten und nachfragen, doch plötzlich spürte sie, wir ihr ganzer Körper durchgeschüttelt und aus dem Schlaf gerissen wurde. „Wach auf du Faulpelz! Wir haben die Mammuts entdeckt, sie befinden sich ganz in der Nähe!“, sofort wurde auch Izar von Aufregung gepackt und der Traum schien vergessen.
Bald war das provisorische Lager abgebrochen und die Jäger trabten in zackigem Schritt ihrer Beute hinterher. Izar kam die Szene seltsam bekannt vor. Sanfte Hügelkuppen, die Gipfel der Berge im Hintergrund, der sich verzweigende Fluss an ihrer Seite. Fehlte bloss noch….

Izar wurde aus ihren Überlegungen gerissen, als der Anführer sich zu ihr umwandte. „Ich möchte nicht, dass du an der Jagd teilnimmst. Du hast eine andere Aufgabe zu bestehen.“ Sein strenger Blick verdeutlichte ihr, dass er keinen Widerspruch dulden würde. Einen Augenblick lang rang sie mit der Vorstellung, Widerstand zu leisten und sich trotzdem der Gruppe anzuschliessen.
Dann jedoch begnügte sie sich mit einem resignierten Seufzen und einem verächtlichen Blick.
Die anderen hatten bereits einen Vorsprung. Izar und ihr Anführer galoppierten gemeinsam los bis sich ihre Wege trennten. Die junge Centaurin hatte beschlossen, die Jagd aus der Höhe zu beobachten und bewegte sich auf eine Anhöhe hinauf, von der sie einen guten Ausblick auf das Geschehen haben würde. Sie meinte, bereits die Geräusche der Mammuts in ihren Ohren zu vernehmen, welche sich bloss noch einige hundert Pferdelängen entfernt befinden mussten.

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